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Kritische Beiträge zur Lehre von der Strafrechtsschuld / von Dr. W. Mittermaier, Professor der Rechte
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Kritische Beiträge zur Lehre von der Strafrechtsschuld von

Professor W. Mittermaier.

Kriminalpolitische und juristisch-dogmatische Fragen beschäf- tigen den Kriminalisten. Die ersten scheinen die wichtigeren in unserer Zeit; man möchte fast sagen, sie haben manchmal das streng juristische Arbeiten allzusehr in den Hintergrund treten lassen. Aber jeder einsichtige Schriftsteller muß erkennen, daß alle Kriminal- politik nur bei größter dogmatischer Klarheit gedeihen kann; so ist es kein Zufall, daß gerade dogmatische Erörterungen von den Strafrechtlern in den letzten Jahren wieder stärker bevorzugt werden. Ich bin überzeugt, daß wir aus ihnen für die Kriminalpolitik schon viel gelernt haben. Es ist diese enge Verbindung der zwei Betrach- tungsweisen wohl allen Mitarbeitern an derVergleichenden Dar- stellung des deutschen und ausländischen Strafrechts, die wir in den letzten Jahren veranstalteten, klar geworden; besonders auf dem Gebiete des allgemeinen Teils ist kaum eine Arbeit rein rechts- vergleichend; einige sind sogar überwiegend dogmatisch gehalten.

Für die kriminalpolitische Betrachtung steht im Mittelpunkt die Frage, ob die Vergeltung berechtigt sei. Wenn auch gerade in den letzten Jahren diese Frage durch mehrfache Erörterungen der Vergeltungsanhänger besonders entschieden betont wurde, so kann doch nicht verkannt werden, daß man sich mehr und mehr der korrespondierenden Frage nach der Schuld zugewendet hat: Vergeltung baut sich auf dem Schuldgedanken auf; man fragt jetzt mehr nach dem Wesen der Schuld, nach der Berechtigung, gerade sie zur Grundlage des Strafrechts zu machen; Anhänger der Reform glauben, das alte Wort für einen neuen Begriff ver- wenden zu können. Es möchte wohl besonders den Anhängern Mer- kelscher Ideen zu verdanken sein, daß man sich wieder einmal der Aufgabe unterzieht, den Schuldbegriff zu klären; denn indem

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