sein. Sie will nichts wesentlich Neues liefern: ich glaube von der Prätention frei zu sein, daß gerade ich hier den einzig richtigen Weg gehe und weise. Ob wir nicht daran denken sollten, daß man sich das Phänomen der Schuld von verschiedenen Seiten aus gleich gut verständlich machen kann, vorausgesetzt nur, daß wir es ein- heitlich anschauen?
IE
Wenn es überhaupt möglich ist, über die Schuld zu einer ob- jektiven und einheitlichen Anschauung zu kommen— da sie doch wohl etwas rein innerliches ist—, dann kann dies nur für die Schuld selten, die Gesetz und Praxis anerkennen. Diese beiden Faktoren sind gewiß abhängig von der wissenschaft- lichen Auffassung, aber nicht mit ihr identisch, viel weniger fein und viel mehr gefühlsmäßig ausgebildet. Eine Dogmengeschichte der Schuldlehre, wie sie sich bei Tesar und v. Bar findet, ist höchst interessant; aber aus ihr erfahren wir nur das allergeringste über das, was unser Gesetz und unsere Praxis unter Schuld verstehen. Ich kenne noch keine Arbeit, die uns dieses klarlegte: sie möchte freilich für das Gesetz nur sehr schwer, wenn überhaupt erfolg- reich sein, aber für die Praxis ist sie überaus lohnend und kaum begonnen'!). Insofern kann eine geschichtliche Untersuchung uns freilich fördern, als sie uns klarlegt, was man sich praktisch unter Schuld vorstellte und inwiefern sich diese Vorstellungen verändert haben. Denn niemand wird leugnen wollen, daß unser heutiger Schuldbegriff ein allmählich gewordener ist?).
Es ist danach wohl zu verstehen, daß die verschiedenen Arbeiter ganz verschiedenes mit dem einen Wort„Schuld“ meinen: Tesar eine Anormalität des Gefühlslebens oder der Vorstellungsassozia-
!) Einen Anfang hat Friedrich gemacht, wenn er die subjektiven Tat- bestände in den Urteilen des Schwurgerichtshofes untersuchte. Meine und Liep- manns Schwurgerichte und Schöffengerichte, I, 375:
?) Insofern muss Graf Dohna gewiss den Wert historischer Darlegungen zugeben;, s. GS. 65, 313. Ganz einseitig und daher verkehrt Fr. Sturm, Ver- schuldung ı1g02, 7. Er stellt sich„lediglich auf den Standpunkt freier philoso- phischer Forschung.“


