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nur in ſehr abgeblaßter Geſtalt, die Erinnerung an eine Zeit wach erhalten, in der ſie auch für den ſonſtigen Rechtsverkehr Bedeutung beſaßen ¹⁰³). Und zum andern dürfte fruchtbar ſein der Gedanke, daß bei der Eheſchließung eine Verpflanzung der Frau(oder des Mannes) in eine fremde Familie bewirkt wurde, und daß ſich infolge⸗ deſſen bei dem Hochzeitszeremoniell vielfach eine Übereinſtimmung mit den bei der Adoption üblichen Riten zeigt. So gewinnen für die Volkskunde die Unterſuchungen ein beſonderes Gewicht, die ſich in der rechtsgeſchichtlichen Forſchung mit dem Problem der Her⸗ ſtellung künſtlicher Verwandtſchaftsbeziehungen beſchäftigen und die namentlich anknüpfen an den bekannten Aufſatz Max Pappen⸗ heims über künſtliche Verwandtſchaft im germaniſchen Recht ¹⁰⁴).
Rechtsſymbolik in der römiſchen Liturgie, Deutſchrechtl. Beitr. VIII 4(Heidel⸗ berg 1913), insbeſ. S. 8 f.(Die Segnung der Brautkammer).
¹1⁰3) Hier iſt vor allem wichtig der von G. Beſeler zunächſt auf rö⸗ miſch⸗rechtlicher Grundlage unternommene Verſuch, die Vorgänge beim Ver⸗ tragsſchluß und die dabei verwendeten Symbole dem auch der volkskundlichen Forſchung vertrauten umfaſſenden Begriff der„Bindung und Löſung“ unter⸗ zuordnen und ſie unter dieſem Geſichtspunkt juriſtiſch auszuſchöpfen. Vgl. Beſeler, Beiträge zur Kritik der römiſchen Rechtsquellen, IV. Heft(Tübin⸗ gen 1920) S. 92— 108, ſowie Z1RG. 45(1925) S. 396— 492 mit zahlreichen, ſprachgeſchichtlich und volkskundlich wertvollen Hinweiſen. Dabei ſind ins⸗ beſondere von Belang die Bemerkungen über den Handſchlag(Beitr. IV, S. 94/5; 3 1RG. 45 S. 398 f., ſ. dazu auch F. Beyerle, 32RG. 47 S. 603 Anm. 6) und den Gebrauch des Ringes bei der Eheſchließung(Beitr. IV, S. 105; Z 1RG. 45 S. 402/3, 411, 418, 431).— Mit Recht betont aber wieder die vergleichende Volkskunde, daß ein und dieſelbe Handlung ganz verſchiedenen Zwecken dienen könne und daß es daher bedenklich ſei,„wenn man den Zweck einer Handlung in einem beſtimmten Falle ermittelt habe, daß man nun dieſen Zweck in allen Fällen glaube annehmen zu müſſen, wenn man dieſelbe Handlung antrifft.“ S. darüber Pfiſter, Kulthandlung und Brauchtum, ZfrhwV. 24(1927) S. 85—93, insbeſ. 87. Hier werden nach dieſer Rich⸗ tung hin Bedenken geäußert gegen den Aufſatz Blochs über den deutſchen Volkstanz der Gegenwart(o. S. 155 Anm. 25). Bloch lehnt ſich in ſeiner grundſätzlichen Einſtellung an das unten S. 193 Anm. 108 genannte Buch Knuchels an und bemüht ſich, alle primitiven Gemeinſchaftstänze auf nur zwei Gründe— Abwehr und Austreibung auf der einen, Anſichziehung und Bindung auf der anderen Seite— zu ſtützen.
¹04) Z32 RG. 29(1908) S. 304— 333. S. dazu H. Meyer S. 270 Anm. 2. — Nur angedeutet mag hier werden, daß vielleicht auch die neueren Unter⸗ ſuchungen zum babyloniſchen und aſſyriſchen Adoptionsrecht Aufſchlüſſe ver⸗ mitteln, die ebenfalls für die Eheſchließung der germaniſchen Frühzeit be⸗ deutſam ſind. Vgl. wegen des babyloniſchen Rechts David, Die Adoption im altbabyloniſchen Recht, Leipziger rechtswiſſenſchaftl. Studien, Heft 23(1927), wegen des aſſyriſchen Koſchaker an der oben S. 180 Anm. 67 angegebenen Stelle.


