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Die Eheschließung des deutschen Frühmittelalters im Lichte der neueren rechtsgeschichtlichen Forschung, Ergebnisse und Ausblicke / von Karl Frölich
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Jedoch auch davon abgeſehen bietet ſich für die Volkskunde ge⸗ nügender Anlaß, den Ergebniſſen der rechtsgeſchichtlichen Forſchung, die ſich auf die Eheſchließung beziehen, Beachtung zu ſchenken. Wie die hier gewonnenen Einſichten der Aufhellung volkstümlichen Brau⸗ ches zum Vorteil gereichen können, ergibt ja in nachdrücklicher Weiſe das, was H. Meyer über die Sitte des Gnadebittens ausführt. Und in ähnlicher Richtung bewegen ſich die Darlegungen Herbert Meyers(S. 246) wegen der Oberndorfer Weiberzeche, mit denen zu vergleichen iſt, was von volkskundlicher Seite Albert Becker in ſeiner AbhandlungFrauenrechtliches in Brauch und Sitte ¹⁰⁰) beiſteuert.

Aber ich möchte noch weiter gehen. Das, was vorſtehend beige⸗ bracht iſt, dürfte gezeigt haben, in welchem Umfange rechtliche Erwägungen und Begriffe den ganzen Vorgang der Eheſchließung erfüllen und durchdringen, und es liegt auf der Hand, wie gerade dabei altüberkommene Anſchauungen mit Zähigkeit ihren Platz in Sinn und Herz des Volkes behaupten mußten. So dürfte es not⸗ wendig ſein, weit mehr, als es bereits geſchehen iſt, in den Hochzeits⸗ ſitten und Gebräuchen Reſte alten Rechts gutes zu erblicken und in erſter Linie von einem ſo gearteten Standpunkt aus nach einer Erklärung zu ſuchen. Wie ich glaube, ſind die in dieſer Hinſicht vor⸗ handenen Möglichkeiten, tiefer einzudringen, von der volkskund⸗ lichen Forſchung keineswegs ſchon erſchöpft ¹⁰¹⁴).

Zwei Gebiete ſcheinen es mir vor allem zu ſein, auf denen die Volkskunde im Rahmen der Hochzeitsbräuche von der rechtsgeſchicht⸗ lichen Forſchung noch Aufſchlüſſe erwarten kann. Einmal iſt dabei zu denken an die in anderem Zuſammenhange bereits erwähnten Symbole, die bei dem Abſchluß des Verlöbniſſes oder bei der Eingehung der Ehe eine Rolle ſpielen ¹⁰²) und die, obgleich zuweilen Heidelberger Jahrb. 1927 S. 101 f., insbeſ. 108 f., ſowie den knappen, aber einen guten überblick verſchaffenden Sammelbericht von ThurnwaldMut⸗ terrecht in der Zeitſchr. f. Völkerpſychologie und Soziologie IV(1928) S. 87 93.

10⁰) Programm des Gymnaſ. Zweibrücken 1912/3. S. ſchon Becker, Frauenrecht in Brauch und Sitte, HeſſBlV. X(1911) S. 145 156.

¹1⁰¹) Zur Methodik der rechtsgeſchichtlichen Auswertung von Sitten und Bräuchen iſt etwa zu verweiſen auf Graber, Der Einritt des Herzogs von Kärnten am Fürſtenſtein zu Karnburg, Akad. d. Wiſſenſch. in Wien, Philoſ. hiſt. Klaſſe, Sitzungsber., 190. Band, 5. Abh.(Wien 1919) S. 3 f., 12 f. und die Beſprechung von Jakſch, Mitt. des öÖſterr. Inſt. f. Geſchichtsforſch. 40 (1925) S. 284 293. Vgl. ferner Hiſt. Z. 138 S. 174.

¹1⁰2) Im allgemeinen kommt z. B. in Betracht Herwegen, Germaniſche