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wie man bisher annahm,— ergeben, da Gudrun durch den Akt im Ring bereits zur Gattin Herwigs von Seeland geworden wäre 8o).
Wichtiger indeſſen als derartige Einzelheiten erſcheinen, vom Standpunkt des Rechtshiſtorikers aus geſehen, Erwägungen anderer Art, wie ſie ſich uns im Hinblick auf die Heldenepen aufdrängen. Es erhebt ſich vor allem das methodiſche Problem, in welchem Um— fange überhaupt poetiſche Quellen als Unterlage für juriſtiſche Be⸗ trachtungen dienen können, ein Problem, das auch ſchon früher vielfach aufgetaucht, das aber durch die hier beſprochenen Arbeiten erneut in Fluß geraten iſt. Auf der einen Seite ſteht, wie bereits oben ²⁰) berührt wurde, die Anſicht Zallingers von der hervor⸗ ragenden Eignung namentlich des Nibelungenliedes und der Gu⸗ drun für dieſen Zweck, auf der andern Seite die Gegenmeinung Ed⸗ ward Schröders ¹0a), die gerade die„juriſtiſche Nebelhaftigkeit“ der Dichtungen nachdrücklich unterſtreicht 241). Wie ich glaube, wird es erforderlich ſein, hier zunächſt durch Unterſuchungen im philolo— giſchen Bereich eine Grundlage zu ſchaffen, auf der der Rechtshiſto⸗ riker weiter zu bauen in der Lage iſt 2²). Selbſtverſtändlich gewinnt
so) E. Heymann, 32 RG. 44 S. 473; auch Piquet, Revue ger- manique XVI S. 361; Hugelmann, MJSG. 41 S. 445.
90) S. 156 f.
0a) Z2 RG. 44 S. 21 f.; H. Meyer S. 198/9, 204.
⁵⁴¹) Ähnliche Zweifel ſpielen übrigens, wie hier eingeflochten werden mag, auch eine Rolle bei der Ausdeutung der homeriſchen Heldenepen und der ſonſtigen literariſchen Erzeugniſſe des griechiſchen und römiſchen Alter⸗ tums. Wie ſie auf das juriſtiſche Gebiet übergreifen, zeigt das Werk E. Brucks, 3. B. S. 27 f., 40 Anm. 1 und 3, 274 Anm. 3. S. ferner Bernhöft, Ehe⸗ und Erbrecht der griechiſchen Heroenzeit, ZVR. 11(1895) S. 321— 364, insbeſ. S. 321 f.: Die Sage als Quelle der Rechtsgeſchichte.
⁵²) Dies gilt jedenfalls erſt einmal für die Gewinnung eines grund⸗ ſätzlichen Maßſtabes. Zu weit gehend m. E. Zallinger(S. 58):„In der Beurteilung und Wertung der in das Rechtsleben einſchlagenden Partien: Tatſachen, Wendungen, Ausdrücken der Darſtellung iſt eben nur der Rechts⸗ hiſtoriker berufen und berechtigt, das entſcheidende Wort zu ſprechen, wenn das auch eine Umwertung, die übrigens keineswegs eine Herunterwertung iſt, des ſittlichen Gehaltes und eine Verſchiebung der äſthetiſchen Würdigung des Gedichtes mit ſich bringt.“ S. hierzu auch Piquet, Revue germanique XVI S. 360/1.— Über die juriſtiſche Ausſchöpfung dichteriſcher Quel⸗ len überhaupt vgl. etwa Hellwig, Die poetiſche Literatur als Quelle der Rechtserkenntnis, ZVR. 17(1905) S. 166— 193; 18(1905) S. 429— 445; Mannheim, Rechtsgefühl und Dichtung, Zeitſchr. f. Rechtsphiloſophie 3 (1920) S. 251— 298; Georg Müller, Recht und Staat in unſerer Dich⸗ tung(Hannover und Leipzig 1924, Beſpr. von Frölich, Z2 RG. 45, 1925,


