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Die Eheschließung des deutschen Frühmittelalters im Lichte der neueren rechtsgeschichtlichen Forschung, Ergebnisse und Ausblicke / von Karl Frölich
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Um das Bedeutſame der erzielten Fortſchritte klar herauszu⸗ ſtellen, iſt es zunächſt erforderlich, einen kurzen Überblick über den bisherigen Stand der Viſſenſchaft, der auch für das Verſtändnis der Problemlage nicht entbehrt werden kann, vorauszuſchicken).

b) Üüberblick über den bisherigen Stand der Forſchung.

Von der Eheſchließung der germaniſchen Frühzeit und ihrem Verhältnis zur Verlobung hat die bisherige rechtsgeſchichtliche For⸗ ſchung ein Bild entworfen, das ſich zwar vielfach in den Einzelheiten nicht deckt, das aber doch gewiſſe übereinſtimmende Grundzüge auf weiſt. Es läßt ſich etwa in folgender Weiſe umreißen ⁵⁶):

Das älteſte Recht der Germanen kannte ebenſo wie das zahl⸗ reicher indogermaniſcher und nicht indogermaniſcher Völker den Frauenraub als einen Akt mit ehebegründender Kraft. Dabei faßte eine Anſicht, die jetzt im allgemeinen aufgegeben iſt, den Frauen⸗ raub bei den Germanen als die urſprünglich alleinige Form der Ehebegründung auf, bei der der Entführer zur Vermeidung der Blutrache an die Sippe der Entführten eine dem Wergeld, der bei der Tötung eines Menſchen zu zahlenden Buße, entſprechende

) Eine vorzügliche Auswahl der Quellen des Eheſchließungsrechtes bis zum Tridentiniſchen Konzil bringt Cl. Frh. v. Schwerin in denQuellen zur Geſchichte der Eheſchließung I., Juriſtiſche Texte für Vorleſungen und Übungen, hrsgeg. von F. Schulz und Cl. Frh. v. Schwerin, Heft 2(Bonn 1925). Das nordgermaniſche Rechtsgebiet, das evangeliſche Eherecht und die neuzeitliche Entwicklung ſind ausgeſchieden und weiteren Heften vorbehalten.

) Ich ſtütze mich hier im großen und ganzen auf die Schilderung, die R. Hübner, Grundzüge des deutſchen Privatrechts, 4. Aufl.(Leipzig und⸗ Erlangen 1922), S. 577 f. bietet. Ähnlich, obgleich mit Abweichungen im ein⸗ zelnen, die Angaben bei Brunner, Deutſche Rechtsgeſch. I2(Lerpzig 1906) S. 94 f.) Brunner⸗Heymann, Grundzüge der deutſchen Rechtsgeſch., 7. Aufl.(München u. Leipzig 1921) S. 221 f.; R. Schröder, Deutſche Rechtsgeſch., 6. Aufl., fortgeführt von E. Frh. v. Künßberg Gerlin u. Leipzig 1922) S. 74 f., 328 f. und H. Planitz, Grundzüge des deutſchen Privatrechts(Berlin 1925) S. 119 f. Bei Hübner S. 575 Anm. 1 und R. Schröder S. 74 Anm. 59; 328 Anm. 153 finden ſich Zuſammenſtellungen der früheren rechtsgeſchichtlichen Literatur. Auf Bedenken, die ſchon im bis⸗ herigen Schrifttum, insbeſ. von Ficker und v. Amira, gegen die herr⸗ ſchende Auffaſſung erhoben ſind, wird ohne Anſpruch auf Vollſtändigkeit an paſſendem Orte aufmerkſam gemacht. Die Ausführungen bei Cl. Frh. v. Schwerin, Grundzüge des deutſchen Privatrechts, 2. Aufl.(Berlin und⸗ Leipzig 1928), S. 256 f. ſtehen bereits unter dem Eindruck der Unterſuchung Herbert Meyers überFriedelehe und Mutterrecht(ſ. u. zu II b).