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Blücher in Gießen : ein Stimmungsbild aus den Freiheitskriegen / von Alfred Bock
Entstehung
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ſprache des preußiſchen Emiſſärs an die Menge zündete dermaßen, daß derMaire bei dem wachſenden Tumult für das Leben der Franzoſenfreunde, die die Stadt beher⸗ bergte, zu zittern begann. Marburg und Gießen, nur wenige Wegſtunden von einander entfernt, zeigen in dieſer bedeutenden Epoche eine ganz entgegengeſetzte Phyſiognomie. Marburg, obwohl unter franzöſiſcher Herrſchaft, fühlt ſich Preußen innerlich verbunden, Gießen ſteht noch unter dem Bann Napoleons und der Gloire der großen Nation. Dem ganzen ſüdlichen Deutſchland galt Napoleon als der prädeſtinirte Beherrſcher des europäiſchen Continents. Die Vornehmen und Gebildeten überboten einander, franzöſiſche Sitte und franzöſiſches Weſen geſchmacklos nachzuahmen, und die Empfindung für ein großes unabhängiges Deutſch⸗ land war vollkommen erſtorben. Es iſt bezeichnend für den Fatalismus, der ſich damals im Süden des Vater⸗ landes der Gemüther bemächtigt hatte, daß ſelbſt nach dem unglücklichen Ausgang des ruſſiſchen Feldzugs jede Auf⸗ lehnung gegen die franzöſiſche Gewaltherrſchaft als Wahn⸗ witz verſchrien wurde. Da plötzlich hallt von den Oſt⸗ marken Deutſchlands der RufFreiheit! herüber, Preußen greift zu den Waffen, Blücher ſiegt an der Katzbach und bei Leipzig wird der unüberwindliche Napoleon nieder⸗ geworfen. Noch hat ſich das ſüdliche Deutſchland von ſeinem Staunen nicht erholt, da ſteht der alte Blücher ſchon mit ſeinen ſiegreichen Schaaren am Rhein, der greiſe Held, durch ſeine machtvolle Perſönlichkeit dazu auserſehen, die Idee der Freiheit bis zur Begeiſterung zu ſteigern. Blücher ſtellte nach Steffens' Wort das völlig Incommen⸗ ſurable des Freiheitskämpfers dar, der ſtrenge Sittenrichter wird manches an ihm tadeln, aber er war die Triebkraft des ganzes Krieges. Er war der Mann des Angenblicks, und die Art, wie ihn der Moment ergriff, riß wie ein wilder Strom alles mit ſich fort. Sein Vorſatz war Na⸗ poleons Vernichtung. Der Haß gegen den Tyrannen ver⸗ ſchmolz ſich bei ihm mit der zum Inſtinct gewordenen Ueberzeugung, daß er berufen ſei, den Kaiſer der Fran⸗ zoſen zu ſtürzen. Er war kein Mann der ehrgeizigen Re⸗ flexion und die Künſte der Diplomatie waren ihm fremd, aber in ſeiner Heldengeſtalt lebten die alten Erinnerungen an die Ruhmesthaten des preußiſchen Heeres wieder auf. Er repräſentirte den furor teutonicus und ſeinVorwärts! war der Zauberſporn, der ſeine Soldaten mit Sturmes⸗ gewalt in den Vernichtungskampf gegen den Erbfeind trieb. Der Krieg hatte, wie an den meiſten deutſchen Hoch⸗ ſchulen, auch in Gießen die ſtudirende Jugend verſprengt. Die Frequenz⸗Ziffer der Gießener Univerſität war im Jahre 1813 auf ein Minimum zurückgegangen. Das Rectorat lag in den Händen des Mathematikers Kämmerer. Dieſer erließ am 29. October folgende Bekanntmachung: Da die Zeitumſtände und vorzüglich die Sperrung der Communication mehrere hieſige Studirende abgehalten haben, zu der für den Anfang der Vorleſungen beſtimmten Zeit hier einzutreffen, ſo hat der akademiſche Senat aus Rückſicht auf deren Intereſſe den unfehlbaren Anfang dieſer Vorleſungen auf Montag den 8. November feſtgeſetzt. Inzwiſchen hatten Rector und Senat dem Feldular⸗ ſchall Blücher ihre Aufwartung gemacht und von dieſem, wie aus einem von der Univerſität bewahrten Acctenſtück hervorgeht, die Zuſicherung erhalten, daß er die Univerſität und aus dieſerRückſicht die ganze Stadt in ſeinen beſon⸗ deren Schutz nehmen werde. Der Rector veröffentlichte daraufhin folgendes Edict:Die Vorleſungen auf hieſiger Univerſität werden nunmehr nicht den 8., aber ganz be⸗ ſtimmt den 15. dieſes Monats ihren Anfang nehmen. In

Folge der von der Generalität der alliirten Armeen aus⸗

drücklich erhaltenen Verſicherungen kann man allen Studi⸗ renden, welche ſich entweder ſchon hier befinden oder noch

hierher begeben wollen, eine völlig ungeſtörte Ruhe bei ihren Studien verbürgen. Ein ZBlick in die Matrikel der Univerſität belehrt uns, daß der Zuwachs an Studenten zu Beginn des Winterſemeſters 1813/14 nur die Zahl 32 erreichte. Der Rector nahm die Anweſenheit Blüchers in Gießen wahr, in einer für Stadt und Univerſität gleich bedeutſamen Angelegenheit ſeine Unterſtützung zu erhalten. Das ſogenannteZeughaus der Stadt war in ein Laza⸗ reth für preußiſche und ruſſiſche Truppen umgewandelt worden. Die Belegziffer ſchwankte zwiſchen 500, 1300 und 2600 Kranken. Ein typhöſes Fieber, das unter den eng zuſammengepferchten Verwundeten graſſirte, forderte auch unter der Einwohnerſchaft der Stadt zahlreiche Opfer. Der Nector bat nun Blücher, die Verlegung des Lazareths nach Arnsburg zu befürworten, allein der Feldmarſchall war in dieſer Sache nicht competent, ſie gehörte vielmehr vor das Forum der General⸗Intendantur in Frankfurt a. M. Nachdem ſich die Unterhandlungen bis zum Herbſt 1814 hingezogen hatten, kam der Entſcheid, daß das Lazareth in Gießen zwar zu entlaſten, um ſeiner günſtigen Lage willen aber dort zu belaſſen ſei. Blücher war in Gießen nicht müßig. Kaum hatte er

von der Schlacht bei Hanau und Napoleons Rheinüber⸗

gang ſichere Kunde erhalten, als er ſeinem Stab einen Plan vorlegte, der nichts geringeres bezweckte, als unver⸗ züglich mit der ſchleſiſchen Armee den Rhein zu über⸗ ſchreiten, Holland und Brabant zu erobern und alsdann in Frankreich einzufallen. Bei vollen Bechern genoß man in Gießen die Vorfreude der kühnen Kriegsfahrt. Den thüringiſchen Dichter Adolf Bube ¹) hat das Trinkgelage der Kriegshelden in Gießen zu einem Poem begeiſtert, das den Titel trägt Blücher in Gießen.

Der greiſe Marſchall Vorwärts ſaß Im Hauptquartier zu Gießen

Und ließ ins grüne Römerglas Johannisberger fließen.

Er trank im vollen Zug den Wein Und rief: Auf, ſtimmet freudig ein, Wir ſetzen ſchleunig übern Rhein.

Da rückten ſchnell der Gneiſenau, Der Müffling und der Rühle

Wie auf's Commandowort genau Und mit Geräuſch die Stühle.

Sie tranken vollen Zugs den Wein Und ſtimmten alle freudig ein:

Wir ſetzen ſchleunig übern Rhein. Drauf ſtrich ſich nach Huſarenart

Der alte Held und Zecher

Nach rechts und links den grauen Bart Und hob aufs neu' den Becher,

Er trank im vollen Zug den Wein Und rief: Stimmt wieder freudig ein, Wir ziehen nach Paris hinein.

Das ſchlug ſo tief wie Wetterblitz Ins Herz der Generale,

Sie ſprangen auf von ihrem Sitz, Die Hand am Schlachtenſtahle.

Sie tranken vollen Zugs den Wein Und ſtimmten alle jubelnd ein: Wir ziehen nach Paris hinein.

Und aus dem Hauptquartiere drang Ins Heer das wärmſte Leben,

Am Rhein, am Rihein erſcholl Geſang, Da wachſen unſre Reben, Feldmarſchall Vorwärts ſchlägt darein, Er führt uns ſiegreich übern Rbein, Nach Frankreich, nach Paris hinein.

9) Geb. 1802 in Gotha, geſt. daſelbſt 1873.