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Blücher in Gießen : ein Stimmungsbild aus den Freiheitskriegen / von Alfred Bock
Entstehung
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Das Lied iſt von Wilhelm Tſchirch in Muſik geſetzt worden.

Es iſt uns ein Brief Blüchers aus Gießen vom 4. November erhalten, worin die Situation von ihm, wie folgt, geſchildert wird:Das große uns vorgeſetzte Unter⸗ nehmen iſt ausgeführt, die Franzoſen ſind über den Rhein. Es hat ein großes Verſehen ſtattgefunden; ſonſt wäre der große Napoleon mit dem Reſt ſeiner ungeheuren Armee vernichtet worden. Bei Hanau hat er ſich durchgeſchlagen, obgleich der baieriſche General Wrede Alles gethan, um ihn nicht durchzulaſſen, ſo war er doch zu ſchwach, um ihn gänzlich ufzureiben. Ich folgte den franzöſiſchen Kaiſer beſtändig uf der Chauſſee und kam täglich in das Quartier, was er verließ. Hätte man mich uf dieſen Wege ge⸗ laſſen, ſo war ich am Feinde und griff ihn im Rücken an, wie er ſich mit Wrede engagirte. Aber Gott weiß warum, genug, ich erhielt Ordre, von Philippsthale meine Direction auf Gießen zu nehmen, und die Hauptarmee wollte mit ihrer Avantgarde den Feind folgen. Dieſe Avantgarde aber war zwei Märſche hinter mich und kam zu ſpät, um Wrede beizuſtehen, und ſo entkam der wirklich eingefangene Kaiſer. Er hat indeſſen auf dem Rückzug das Mögliche

eingebüßt. Ich habe noch 5000 Gefangene gemacht und

18 Kanonen genommen; ſeine Ammunitionswagen hat er, da die Anſpannung erlag, großen Theils in die Luft ge⸗ ſprengt; mehr denn tauſend auf den Wegen vor Mattig⸗ keit geſtorben haben wir gefunden und Pferde ohne Zahl. Von ſeiner ganzen Armee hat der große Mann höchſtens 40,000 Bewaffnete über den Rhein gebracht. Aber auch wir haben Menſchen verloren; nicht gegen den Feind, er⸗ mattet ſind ſie zurückgeblieben; ſie werden aber wieder nach⸗ kommen. 14 Tage habe ich ohne Raſttag in die abſcheu⸗ lichſten Wege marſchirt, heute iſt der erſte Ruhetag. Unſere Leute mangelt es beſonders an Schuh, Stiebel und Hoſen; aber ihr guter Wille, ſowohl bei Ruſſen als Preußen, iſt unerſchütterlich. Wenn ich des Morgens heraus komme, empfangen ſie mich mit Jubel. Die deutſchen Völker hier ſind freudetrunken; und obgleich wir ihnen ſehr ſchwer fallen müſſen, ſo klagen ſie nicht. Die Franzoſen haben ſich uf ihrem Rückmarſch von Leipzig bis zum Rhein gegen ihre Alliirte infam betragen, aber die geplünderten Bauern haben auch manchen in die andere Welt geſchickt. Du wirſt fragen: Nun ſeid Ihr am Rhein, was wollt Ihr nun machen? Und ich ſage Dir, wir wollen hinübergehen, wir wollen Brabant und Holland erobern und ihm (Napoleon) ſo zu Paaren treiben, daß er Frieden machen muß. Dieſes iſt mein Vorſchlag, den ich höheren Orts eingeſandt habe. Die franzöſiſche Armee reicht nicht zu, die villen Feſtungen gehörig zu ſichern; alſo kann er mit keiner bedeutenden Macht im Felde gegen uns auftreten. Das Mißvergnügen der Nation iſt rege, und Napoleon ſeine Herrſchaft wird ſich endigen. Das iſt mein Glaubens⸗ bekenntniß. Den erſten Brief, den Du von mich erhälſt, wird von jener Seite des Stroms, in den wir die Schla⸗ werey abwaſchen geſchrieben ſein. Gneiſenau wurde mit der ſchwierigen Miſſion betraut, beim großen Generalſtab in Frankfurt die Genehmigung zu Blüchers Feldzugsplan zu erwirken. Als man den Abgeſäandten des Marſchalls Vorwärts mit tauſend Bedenken hinhielt, brach Blücher am 7. November auf eigene Fauſt von Gießen auf und gab den Corps Langeron, Sacken und York Ordre, am 13., reſp. 14. November in Mülheim am Rhein und Um⸗ gegend einzutreffen. Am 11. November bereits in Alten⸗ kirchen angelangt, ereilte Blücher der Befehl des großen Generalſtabs, ſchleunigſt umzukehren, mit ſeiner Armee am Mittelrhein aufzumarſchiren und Mainz zu blokiren. In Frankſurt triumphirte indeſſen die Metternich'ſche Politik. Die Alliirten boten Napoleon einen für Deutſchland geradezu

ſchimpflichen Frieden an, der Frankreich als natürliche Grenzen die Pyrenäen, die Alpen und den Rhein zugeſtand. Glücklicherweiſe wies Napoleon dieſe die Alliirten wahrhaft demüthigenden Friedensvorſchläge zurück. Am 2. December nahm der alte Blücher den Kampf wieder auf, den er grollend abgebrochen hatte und am 31. December, in jener denkwürdigen Neujahrsnacht, ging er bei Caub über den Rhein, um bald darauf das preußiſche Banner auf fran⸗ zöſiſchem Boden zu entfalten.

Bis in das Herz Frankreichs hinein war auch der Akademiker und Freiheitskämpfer Henrik Steffens dem Siegeszuge Blüchers gefolgt. In Paris forderte er ſeinen Abſchied und kehrte, mit dem eiſernen Kreuze geſchmückt, in den Schoß ſeiner Familie zurück. Aber nicht im über⸗ wallenden Stolzgefühl des kranzgeſchmückten Siegers, ſondern in der wehmüthigen Stimmung des enttäuſchten Patrioten ſchrieb er damals die Worte nieder:Ein anderes Deutſch⸗ land, ſo mußte ein jeder glauben, nicht das frühere, welches

verſchwunden war, ſolle ſich aus dem Kampf entwickeln und

geſtalten. Die Jugend war nicht ohne höhere Aufforderung in den Kampf gegangen, der Krieg war ein gemeinſchaftlicher aller Deutſchen. Wo iſt nun, fragte man, das Deutſch⸗ land, dem der gemeinſchaftliche Kampf galt? Dasjenige, wofür man ſein Leben wagt, erfüllt uns eben durch eine poſitive Realität; wenn es auch früher mehr als ein Er⸗ ſehntes, denn als ein Wirkliches da war, ſo tritt es doch und ganz nothwendig nach dem Kampfe als eine Macht hervor, und zwar als eine politiſche, die ſich nicht abweiſen läßt. Alle jungen Krieger, darunter die vorzüglichſten, durch Geiſt und Kraft am meiſten ausgezeichneten, wurden Po⸗ litiker. Wo iſt das Deutſchland, fragten ſie, für welches zu kämpfen wir aufgefordert wurden? Es lebt in unſerm Innern. Zeigt uns, wo wir es finden, oder wir ſind ge⸗ nöthigt, es uns ſelbſt zu ſuchen.

Wir Glücklicheren vermögen den Schmerz der helden⸗ müthigen Streiter nachzufühlen, die auf der Wahlſtatt für ein hohes Ideal, für Deutſchlands Größe und Einheit ihr Leben eingeſetzt hatten und in ein zerriſſenes, von Particular⸗ intereſſen beherrſchtes Vaterland zurückkehrten. Allein wir wiſſen auch, daß das Deutſchland von 1813 noch nicht die politiſche Reife beſaß, als einheitlich ganzes in der europäi⸗ ſchen Staatengruppe eine achtunggebietende, geſ chweige domi⸗ nirende Stellung einzunehmen. Die Kriegs⸗ und Revolutions⸗ ſtürme, die ſeit der Schlacht bei Waterloo über unſer Vater⸗ land gebraust ſind, waren eine hiſtoriſche Nothwendigkeit, dem Föhn vergleichbar, der die Luft klärend den Frühling verkündigt. Erſt 1870 war die Zeit erfüllt, die der Dichter⸗ mund vor langer Friſt geweisſagt hatte. Erſt auf den Schlachtfeldern von Frankreich im aufgedrungenen Kampfe ſollte das Blut, das Deutſchlands Söhne verſpritzten, Ger⸗ maniens Stämme zu unauflöslichem Bunde zuſammen⸗

ſchweißen.