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Blücher in Gießen : ein Stimmungsbild aus den Freiheitskriegen / von Alfred Bock
Entstehung
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Blücher in Gießen. Ein Stimmungsbild aus den Freiheitskriegen. Von Alfred Bock.

I.

Es war an einem der erſten Novembertage des Jahres 1813. Eine dichtgedrängte Menge füllte die Aula der Gießener Univerſität: Profeſſoren, Studenten, Bürger der Stadt, Soldaten und allerlei Landvolk in buntem Durch⸗ einander. Das Katheder beſtieg ein Officier der preußi⸗ ſchen Gardejäger und hielt eine begeiſterte Anſprache an die Verſammlung. Der Erbfeind iſt aufs Haupt geſchlagen, rief er, die verhaßten Ketten ſind geſprengt, das deutſche Volk iſt frei. Die Väter werden ihre Söhne in den heiligen Kampf ſchicken, die Mütter werden ihnen die Waffen in die Hand drücken, kein Opfer wird verſchmäht werden, die akademiſche Jugend wird die Hörſäle verlaſſen, um ſieg⸗ reich und neugeſtärkt zu ihren Studien zurückzukehren. Obwohl der Redner das Gefühl hatte, daß ſeine Worte Eindruck machten, war er ſich doch bewußt, daß auch zahl⸗ reiche Franzoſenfreunde unter die Verſammlung ſich ge⸗ miſcht hatten. An dieſe wandte er ſich mit erhobener Stimme:Und wenn die Einrichtungen, welche die Fran⸗ zoſen trafen, noch ſo klug, wenn die Mißbräuche, die ſie abſchafften, noch ſo drückend waren, ſo ſolltet ihr zum Danke ſie dennoch auf Leben und Tod bekämpfen und aus dem Lande jagen, denn für ein Volk gibt es kein größeres Elend, kein zerſtörenderes Unglück, als ſich von Fremden beglücken zu laſſen..

Die Haltung des preußiſchen Officiers, ſeine ganze Erſcheinung deuteten darauf hin, daß er nicht in des Königs Rock hineingewachſen war, daß vielmehr außer⸗ ordentliche Umſtände ihn mit dieſem Ehrenkleid geſchmückt hatten. In der That war der Redner niemand anders, als der berühmte Schellingianer Profeſſor Henrik Steffens, ein geborener Norweger, der den Lehrſtuhl in Breslau im Stiche gelaſſen und in flammender Begeiſterung für die deutſche Sache zum Degen gegriffen hatte. Im Gefolge Blüchers, deſſen Stab er zugetheilt war, hatte er zugleich mit dem Feldmarſchall am 3. November das Weichbild der Stadt Gießen betreten. 18

Die Kriegslage ſei zunächſt in kurzen Strichen ge⸗ zeichnet. Auf der Heerſtraße, die an den Abhängen des Thüringer Waldes und des Rhöngebirges ſich hinziehend die Handelsemporien Leipzig und Frankfurt mit einander verbindet, ſuchte Napoleon nach der Schlacht bei Leipzig mit den Trümmern ſeines Heeres das Rheinufer zu ge⸗ winnen. Nach der furchtbaren Niederlage, welche die Franzoſen erlitten, war es einzig die Energie Napoleons, die die aufgelösten Colonnen zuſammentrieb und die Ord⸗ nung einigermaßen wieder herſtellte. Der große Feldherr

verlor in dieſer kritiſchen Lage keinen Augenblick die Zügel aus der Hand. Mit einer Ortskenntniß, um die ihn die Generalſtabsofficiere der Alliirten beneiden konnten, gab er im fremden Lande jedem Corps, jeder Diviſion, ja jedem Regiment die Marſchroute an. Napoleons Macht war immerhin noch ſo groß, daß er die Heermaſſe des Generals Wrede am 30. und 31. October bei Hanau durchbrechen und am 2. November mit 60,000 Mann, die ihm von 300,000 verblieben waren, bei Mainz den Rhein über⸗ ſchreiten konnte. Den Alliirten war die Aufgabe zugefallen, den Sieg bei Leipzig zu nützen und den Feind zu ver⸗ folgen. Schwarzenberg ſchlug mit dem böhmiſchen Heere die bequeme Kunſtſtraße über Naumburg, Weimar, Erfurt und Gotha nach Frankfurt ein, während Blücher angewieſen wurde, ſich mit dem ſchleſiſchen Heere auf ſchlechten Land⸗ wegen über Weißenfels, Freiburg a. d. Unſtrut, Langenſalza und Eiſenach nach Fulda zu begeben. Er ſollte womöglich den Franzoſen zuvorkommen oder wenigſtens auf gleicher Höhe mit ihnen marſchiren und ihren Rückzug beunruhigen. Schwarzenberg betrieb die Verfolgung des Feindes ſo läſſig, daß er fortwährend drei bis vier Tagemärſche hinter den Franzoſen zurückblieb und erſt in 14 Tagen behaglichen Dahinſchlenderns den Rhein erreichte. Anders der Feldmarſchall Blücher. Er rückte in Eilmärſchen vor, drängte ſich hart an den Feind heran und würde wahr⸗ ſcheinlich einen entſcheidenden Schlag geführt haben, wenn ihn nicht in Fulda der unſinnige Befehl des Generaliſſi⸗ mus getroffen hätte, von der planmäßigen Route abzu⸗ weichen und durch den Vogelsberg nach Gießen und Wetz⸗ lar zu marſchiren. Die Ordre Schwarzenbergs war an⸗ geblich von der Beſorgniß dictirt, Napoleon werde ſich in Folge der Poſition des Generals Wrede bei Hanau be⸗ ſtimmen laſſen, den Rückzug über Frankfurt und Mainz aufzugeben und ſüdlich oder nördlich vom Vogelsberg über Gießen und Wetzlar nach Koblenz zu eilen. Blücher ge⸗ horchte widerwillig und gab folgende Marſchdispoſition:

Das Corps von Sacken marſchirt den 31. October nach Schlitz und Lauterbach, den 1. November nach Grün⸗ berg und Umgegend, den 2. November nach Gießen.

Das Corps des Grafen Langeron den 31. October nach Klein⸗Lüder jenſeits Fulda und auf die nächſten Orte bis Fulda rückwärts, um 8 Uhr des Morgens.

Das Corps von York marſchirt den 31. October des Morgens um 6 Uhr über Fulda bis Neuhof und Um⸗ gegend, den 1. November bis nach Saalmünſter und Um⸗ gegend.

Aus einem im Nathhauſe zu Ulrichſtein im Vogels⸗ berg aufgefundenen Schriftſtück, das ein Verzeichniß der Gemeinde⸗Kriegsfuhren von 181315 enthält, erfahren wir, daß Blücher am 2. November in Ulrichſtein eintraf und von dort am folgenden Tagein Ermangelung an⸗ derer Fuhrleute von den Bürgern Heinrich Koller und Georg Hoffmann in einer Equipage nach Gießen befördert wurde. Vom 3. bis 7. November befand ſich das Haupt⸗ quartier des Feldmarſchalls in Gießen. Die Abſchwenkung