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Blücher in Gießen : ein Stimmungsbild aus den Freiheitskriegen / von Alfred Bock
Entstehung
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der ſchleſiſchen Armee über den Vogelsberg hatte Napoleon ganz unerwartet der Gefahr enthoben, von zwei Gegnern angegriffen, vielleicht zermalmt zu werden. Wenige Tage vor der Ankunft Blüchers in Gießen, am 30. October, brachte das officielle Organ der heſſiſchen Regierung, die Großherzoglich Heſſiſche Zeitung, die erſte kleine, vor⸗ ſichtig gehaltene Notiz über die Völkerſchlacht bei Leipzig. Die Bayreuther Zeitung vom 22. d., heißt es,und nach derſelben die Nürnberger, Augsburger Blätter geben vorläufige Nachricht von großen Vortheilen, welche die Alliirten am 16., 17. und 18. ds. in der Gegend von Leipzig erfochten haben ſollen. Die officiellen Berichte über dieſe Begebenheiten hat man noch nicht. Aber ſchon am 6. November veröffentlichte das Regierungsblatt folgenden Erlaß des Staatsminiſteriums:Nachdem des Großherzogs von Heſſen, unſres allergnädigſten Souveräns Königliche Hoheit Sich bewogen gefunden haben, mit den gegen Frankreich verbündeten und im Krieg ſtehenden Mächten unterm 2. dieſes Monats eine vorläufige Allianz⸗Convention abzuſchließen, durch welche Se. Königliche Hoheit aus den bis⸗ her mit Frankreich beſtandenen Conföderations⸗Verhältniſſen getreten und der Sache der gegen Frankreich verbündeten Mächte beigetreten und Mitalliirter derſelben geworden ſind; ſo wird ſolches allen Dienern, Unterthanen und An⸗ gehörigen im ganzen Großherzogthume zur Nachricht und Nachachtung hierdurch zu dem Ende öffentlich bekannt ge⸗ macht, daß ſie alle in die Großherzoglichen Lande ein⸗ rückenden Truppen der alliirten Mächte als ihre treuen Freunde anzuſehen, ſie beſtens aufzunehmen und ſich von ihnen eine dieſen Verhältniſſen ganz entſprechende Behand⸗ lung zu gewärtigen haben.

Ueber die Stimmung, die zur Zeit der nationalen Erhebung die leitenden Kreiſe der Univerſitätsſtadt Gießen beherrſchte, liegt uns zunächſt der Bericht des preußiſchen Feld⸗ geiſtlichen Dr. Rheſa vor, der in Gießen im Quartier lag und

den Profeſſoren in geſellige Beziehungen trat.Die Uni⸗

erſität Gießen, vermerkt Dr. Rheſa in ſein Tagebuch,

iſt in vielen Stücken Antipode von Marburg: dort war

er Patriotismus Feuer und Flamme, hier herrſcht Lauig⸗ reit und Kälte, wie denn überhaupt Heſſen⸗Darmſtadt durch Anhänglichkeit an Frankreich ſich ausgezeichnet hat. Ein Profeſſor Namens Crome hat ſogar eine Schmähſchrift auf die Verbündeten geſchrieben, dagegen iſt der patriotiſche Aufruf Wachlers aus Marburg wie eine Prophetenſtimme voll Geiſt und Leben. An einer anderen Stelle ſagt Dr. Rheſa:Vor einigen Tagen fiel mir die gedruckte Predigt eines heſſiſchen Geiſtlichen, die er im Jahre 1807, nach der Schlacht bei Friedland gehalten, in die Hände. Sollte man glauben, daß der Hauptſatz alſo lautet:Das Un⸗ glück unſrer Feinde(der Preußen) iſt unſer Glück ge⸗ wordene? Ein kalter Schauer überlief mich bei dieſem un⸗ chriſtlichen Gedanken.

Unmittelbar nach der Schlacht bei Leipzig erfuhr Blücher von der Exiſtenz eines Franzoſenſchwärmers, der in der Gelehrtenwelt als Cameraliſt und Nationalökonom eine hervorragende Stellung einnahm und eine Zierde der Gießener Univerſität war. Blücher wurde auf dem Marſch durch das Unſtrutthal im Schloß des Grafen Werthern zu Beichlingen einquartiert. Henrik Steffens, der ebendaſelbſt Unterkunft gefunden hatte, erzählt in ſeinen Memoiren: Der Graf war abweſend, die Gräfin empfing Blücher und für alle wurde auf eine gaſtfreundliche Weiſe geſorgt. Ich hatte mich auf die mir angewieſene Stube zurück⸗ gezogen, um einigermaßen anſtändig der Dame des Hauſes gegenüber zu erſcheinen. Als ich zu Blücher hereintrat, fand ich ihn ſehr entrüſtet, man hatte irgendwo eine Schriſt entdeckt von dem Profeſſor Crome in Gießen. Der Titel war, wenn ich mich recht erinnere,Deutſchlands Errettung

durch die Schlacht bei Lützen. In dieſer Schrift wird die genannte Schlacht als ein völlig entſchiedener Sieg Napoleons dargeſtellt, der einen jeden bedeutenden Wider⸗ ſtand der Preußen und Ruſſen unmöglich machte. Wohl mochten die Bulletins über dieſe Schlacht, die mir un⸗ bekannt geblieben ſind, eine ſolche Anſicht veranlaſſen. Dieſer deutſche Profeſſor ſchilderte nun die glückliche Zu⸗ kunft Deutſchlands, da die weiſen Pläne des großen Herrſchers keine Hinderniſſe mehr fänden. Ich habe die Schrift ſelbſt nicht geleſen, daß ſie Blücher und ſeine Um⸗ gebung erbitterte, war natürlich. Als Blücher nach Gießen kam, hatte ſich Profeſſor Crome aus dem Staube gemacht. Die nationale Aufregung, ſagt er in ſeiner Auto⸗ biographie,gereichte den Deutſchen zur Ehre, und nur die Wahrnehmung einer Beimiſchung ſelbſtiſcher Abſichten konnte den Beſonnenen von der unbedingten Zuſtimmung zurückhalten. Allein bei dem feurigen Schwung, den der deutſche Nationalgeiſt auf einmal erhielt, war an eine ruhige und billige Beurtheilung der mit vieler Mäßigung abgefaßten Schrift, die wider mein Wiſſen und Willen war gedruckt worden, nicht zu denken; es war vielmehr voraus⸗ zuſehen, daß die Gegner der Franzoſen ſchonungslos gegen den Verfaſſer losbrechen würden. Deßhalb beſchloß ich, dem erſten Sturm auszuweichen und eine gelehrte Reiſe in die Schweiz zu machen.

Sobald Blücher in Gießen von der Flucht Crome's Kenntniß erhalten, ließ er durch Steffens dem akademiſchen Senat erklären, Crome könne getroſt zurückkehren. Was ſolchein Lump denke, ſei ſehr gleichgültig. Die Billig⸗ keit fordert zu hören, was Crome zu ſeiner Vertheidigung anführt. Vier Wochen vor der Schlacht bei Lützen, heißt es in ſeiner Biographie, erhielt er ein Schreiben aus dem franzöſiſchen Hauptquartier, worin man ihn aufforderte, eine Flugſchrift aufzuſetzen, deren Haupttendenz ſei, die deutſchen Völker vor Aufruhr und Empörung gegen die franzöſiſchen Freunde zu warnen. Es ſollte darin betont werden, daß der Kaiſer Napolon nach wiederhergeſtelltem Frieden der deutſchen Nation Ruhe und Schutz gewähren und weder die Fürſten noch ihre Unterthanen in ihren Gerechtſamen verkürzen werde. Der Kaiſer werde durch Güte und Liberalität die Liebe der deutſchen Nation ſich zu erwerben wiſſen.L'empereur se fera aimer des Allemands, wie es in dem Schreiben wörtlich lautete. Crome vertritt die Anſicht, viele angeſehene Gelehrte hätten den franzöſiſchen Auftrag ſofort angenommen, er habe indeſſen mit der zuſagenden Antwort bis nach der Schlacht bei Lützen gezögert. Als man ihn dann franzöſiſcherſeits aufs heftigſte bedrängte, habe er ſich der Sache nicht länger entziehen können und die verlangte Flugſchriftaus Liebe und Anhänglichkeit für ſeinen Souverän concipirt. Wahr⸗ lich ausLiebe und Anhänglichkeit, verſichert er, denn eine Anfrage an den Großherzog in dieſer Angelegenheit hätte den hohen Herrn in die größte Verlegenheit ſetzen müſſen. Sein zuſtimmendes Votum hätte beim deutſchen Publicum das unliebſamſte Aufſehen erregt, eine ablehnende Erklärung hätte den Großherzog der Empfindlichkeit ſeines Verbün⸗ deten, des Kaiſers Napoleon, ausgeſetzt. Crome behauptet weiter, die erſte, keineswegs zur Veröffentlichung beſtimmte Niederſchrift ſeiner Broſchüre ſei ihm abgedrungen und ohne ſeine Genehmigung in Druck gegeben worden, Honorar habe er niemals dafür erhalten.Nach der Schlacht bei Leipzig, berichtet Crome,fiel nun alles über dieſe Schrift und deren Verfaſſer her; ſelbſt viele derjenigen, von welchen ſie vorher gelobt worden war. Dieſe ſchwachen Menſchen glaubten dadurch ſich ſelbſt ſicher zu ſetzen und vergeſſen zu machen, daß ſie früher dieſelben Grundſätze geäußert hatten und nun nach den Zeitumſtänden modelten. Als

Crome von ſeiner Urlaubsreiſe nach Gießen zurückkehrte,