warfen ihm die Studenten die Fenſter ein, ſein Name wurde, wie der Kotzebue's, auf die Liſte der Proſcribirten geſetzt und die Sicherheit ſeiner Perſon war ſo gefährdet, daß das heſſiſche Staatsminiſterium ihn in ſeinem eigenen Intereſſe erſuchen mußte, ſeine Vorleſungen einzuſtellen. Lange Zeit verging, ehe ſich die hochgehenden Wogen der Erregung legten und Crome ſeine Lehrthätigkeit an der Gießener Univerſität wieder aufnehmen konnte.
Um zu einem objectiven Urtheil in dieſer Affaire zu ge⸗ langen, iſt es nothwendig, in gedrängter Form den Inhalt der Broſchüre zu reproduciren, die dem alten Blücher und allen guten Patrioten die Zornesröthe ins Geſicht getrieben hatte. Der Titel des Elaborats lautet:„Deutſchlands Criſe und Errettung im April und Mai 1813.“ Die Ein⸗ leitung iſt ein Panegyrikus auf Napoleon.„Wohl dem Volke,“ heißt es,„deſſen Schickſal die Vorſehung in die Hände eines großen und weiſen Mannes legte, der Kraft mit Willen, Weisheit mit Energie, die höchſte Intelligenz mit der ſchnellſten Entſchloſſenheit verbindet. Solche Helden ſind zum Regieren geboren, ſie ſind Werkzeuge der Vor⸗ ſehung, um ihren Zeitgenoſſen die Bahn vorzuzeichnen, die ſie wandeln müſſen. Heroen, die in Deutſchlands Schickſal eingriffen, waren Karl der Große, Guſtav Adolf und Napoleon der Einzige. In der Schlacht bei Lützen am 2. Mai 1813 entſchied der Kaiſer Napoleon darüber, ob künftig in unſerm Vaterlande ruſſiſch⸗aſiatiſche oder deutſch⸗ fränkiſche Cultur herrſchen ſolle....... Nach der Anſicht
mancher Leute— ſie ſind freilich nicht ernſthaft zu nehmen — verfolgt die Invaſion der nordiſchen Mächte den Zweck, Deutſchland in ein großes ſelbſtändiges Reich umzuwandeln. Das ſind Hirngeſpinnſte von Utopiſten! Ja, ein unge⸗ theiltes Deutſchland mit einem Karl dem Großen oder einem Napoleon an der Spitze, das könnte wohl ein unabhängiges, von auswärtigen Einflüſſen freies und das europäiſche Gleichgewicht erhaltendes Staatsgebilde ausmachen. Allein die Geſchichte unſres Vaterlandes und aller Föderativſtaaten lehrt, daß das zerſplitterte, in der Mitte von Europa liegende Deutſchland niemals ohne den mächtigen Einfluß eines auswärtigen benachbarten Staates exiſtiren kann. Und welche auswärtige Macht iſt berufener, Deutſchland zu beſchützen, als Frankreich, deſſen Cultur und Sitten mit den unſrigen am meiſten übereinſtimmen, deſſen Heere immer in einigen Tagen mitten in deutſchen Landen ſtehen können, deſſen vitale Intereſſen heiſchen, Deutſchland als Vormauer an ſeinen öſtlichen Grenzen aufrecht zu erhalten? Und wer könnte wohl anders Deutſch⸗ lands Protector ſein als der große Stifter des rheiniſchen Bundes, der durch ſeine glorreichen Siege ſchon ſo manche Gefahr von unſerm Vaterlande abgewandt hat?“
Crome's Schrift macht nicht, wie er uns in ſeiner Autobiographie glauben machen will, den Eindruck eines flüchtigen Concepts, ſondern einer wohldurchdachten, lange überlegten Arbeit, und die Geſchichte von dem Manuſcript, daß ihm aus den Händen gewunden und brühwarm in die Druckerei geſchickt worden war, beruht ſehr wahrſcheinlich auf freier Erfindung. Es iſt charakteriſtiſch für Crome's politiſchen Standpunkt, daß ihm Preußen und Ruſſen als
Culturfeinde vollkommen identiſch ſind. In ſeinem Kopfe — und leider zählte er in engeren und weiteren Kreiſen viele Geſinnungsgenoſſen— hatte die Idee eines einigen Deutſchlands keinen Platz, er verweist ſie als Ausgeburt kranker Gehirne gradezu ins Tollhaus. Frankreich iſt ihm das Land der aufgehenden Morgenröthe, Frankreich ge⸗ hören alle ſeine Sympathien, und die Lohe, die von Weſten her Deutſchland überflammt, hat ihn geblendet. Aber was man ihm auch vorwerfen mag, Crome war, wie er ſich ſelbſt rühmt, der treue Diener ſeines Herrn. In der Stunde der Noth hatte er im Auftrage ſeines Landesherrn durch
den ihm befreundeten Bernadotte Unterhandlungen mit dem franzöſiſchen Directorium angeknüpft und für ſeinen Sou⸗ verain mit Muth und Ausdauer große Vortheile errungen. Ob ſeine Begeiſterung für Napoleon wirklich ſo groß war, als wir nach ſeinen Bekenntniſſen anzunehmen geneigt ſind, möge dahingeſtellt bleiben. War ſeine Schwärmerei für den genialen Korſen ehrlich gemeint, ſo theilte er ſie mit einer großen Zahl Deutſcher, die an eine Weltmiſſion Napoleons glaubten, ja ihn als eine Art Fatum verehrten. Man er⸗ innere ſich nur der Worte, die der größte deutſche Dichter nach zweimaliger Begegnung mit Napoleon ausſprach:„Ich will gerne geſtehen, daß mir in meinem Leben nichts hö⸗ heres und erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem franzöſiſchen Kaiſer und zwar auf ſolche Weiſe zu ſtehen. Ohne mich auf das Detail der Unterhaltung einzulaſſen, ſo kann ich ſagen, daß mich noch niemals ein Höherer der⸗ geſtalt aufgenommen, indem er mit beſonderem Zutrauen mich, wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, gleichſam gelten ließ und nicht undeutlich ausdrückte, daß mein Weſen ihm gemäß ſei, wie er mich denn auch mit beſonderer Ge⸗ wogenheit entließ und das zweitemal in Weimar die Unter⸗ haltung in gleichem Sinne fortſetzte, ſo daß ich in dieſen ſeltſamen Zeitläuften wenigſtens die perſönliche Beruhigung habe, daß, wo ich ihm auch irgend wieder begegne, ich ihn als meinen freundlichen und gnädigen Herrn finden werde.“
Profeſſor Crome war übrigens Realpolitiker und Diplo⸗ mat genug, um andere Saiten aufzuziehen, als die Dinge ſich zu Deutſchlands gunſten gewandt hatten.„Schon in der Schweiz“, ſchreibt er,„hatte ich mich innigſt über die Befreiung meines Vaterlandes von dem franzöſiſchen Joche gefreut, aber den Schwindel konnte meine Vernunft nicht billigen, mit dem man jetzt lauter goldene Tage für Deutſch⸗ land erwartete.“ Und in der Einleitung zu ſeinem 1817 edirten Buche„Deutſchlands und Europens Staats⸗ und Nationalintereſſe“ ſagt er:„Frankreich, ein Koloß unter den Staaten Europens, welcher den ganzen Continent zu unterjochen drohte, wird in kurzer Zeit geſtürzt; dies un⸗ geheure Reich, durch zwanzigjährige Eroberungen zum Ueber⸗ maß vergrößert, wird mit Blitzesſchnelle in ſeine alten Grenzen zurückgedrängt, ein glorreicher Friede für die verbündeten Mächte wird in zwei aufeinander folgenden Jahren mit Großmuth gegen die Beſiegten geſchloſſen, und dadurch das längſt gewünſchte politiſche Gleichgewicht in Europa wieder hergeſtellt, welches einen Beharrungszuſtand des Friedens und der Ruhe für alle europäiſchen Staaten verſpricht: wer iſt es, deſſen Herz bei dieſem großen Ereigniß nicht hoch aufſchlägt, der nicht mit Bewunderung, Dank und Freude erfüllt wird?“— Im Rahmen dieſer Skizze konnte das Bild Profeſſor Crome's nur mit flüchtigen Strichen ge⸗ zeichnet werden, aber es würde der Mühe lohnen, aus ſeinen zahlreichen Werken und ſeiner Autobiographie eine aus⸗ führliche Charakteriſtik des vielgeſtaltigen Cameraliſten und Nationalökonomen zu gewinnen. 44 Jahre wirkt Crome als Docent an der Gießener Univerſität. Selten mag ein Akademiker ſo viele Beweiſe allerhöchſter Anerkennung em⸗ pfangen haben als dieſer weltgewandte Hofmann und Gelehrte. Während der Kaiſerwahl von 1790 in Frankfurt empfing ihn Leopold II. in zweiſtündiger Audienz und beauftragte ihn, das von ihm als Herrſcher von Toscana herausgegebene ſtrafrecht⸗ liche Werk„Governo della Toscana“ zu überſetzen. Der König von Preußen machte ihm ein Geldgeſchenk von 1000 Thalern, um ihn zur Mitarbeit an einem Geſchichtswerk über den ſiebenjährigen Krieg zu veranlaſſen. Franz II. entbot ihn 1792 während der Kaiſerkrönung in Frankfurt zweimal zu ſich. Mit dem König Max Joſeph von Bayern ſtand er in brieflichem Verkehr, und ſein eigener Souverän, der Großherzog von Heſſen, verſäumte keine Gelegenheit, ihn ſeiner Dankbarkeit zu verſichern. Von der Parteien Haß


