Druckschrift 
Klarheit und Wahrheit in der Angelegenheit der Friedhofsweihe zu Giessen / [von Karl Naumann]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ächern, bei ſeiner Erteilung und Ueberwachung ſind auch

die konfeſſionellen Geiſtlichen mit beteiligt: esſindge⸗ meinſame Schulen, die man auch kommunale, allgemein⸗konfeſſionelle, interkonfeſſionelle nennt.

So iſt auch unſer Friedhof als kommunaler, als Gemeinde⸗Friedhof, ein allgemein konfeſſioneller, ein interkonfeſſioneller Friedhof. Will man dieſes unter der Bezeichnungkonfeſſionslos verſtehen, ſo mag man auch letzteren Ausdruck gebrauchen. Wenn man allerdings unter Konfeſſion, wie es immer mehr Sprachgebrauch wird, zugleich Religion verſtehen will, ſo iſt der Friedhof noch weniger ein konfeſſions⸗ loſer, nicht einmal ein allgemein konfeſſio⸗ neller; denn die Juden begraben auf dem jetzt eröffneten Friedhof ihre Toten nicht. Auch auf dem alten geſchah dies nicht; ſie haben neben den Chriſtengräbern ihre beſonderen Begräbnisplätze. Die Chriſten hätten wahrlich nichts dagegen, wenn nach der Reihe der Sterbefälle die Juden ihre Toten unter die Chriſten beſtatteten. Allein die Juden taten dies nicht, gemäß ihren beſonderen Anſchauungen über Bedeutung der Begräbniſſe und Gräber, auch Behandlung der Leichen. So haben ſie auch, als neulich im Leichen⸗ haus des alten Friedhofs, das kein Kreuz über ſich hat, eine geräumige, ſchöne und würdige Leichen⸗ halle hergerichtet worden war, es abgelehnt, die Särge mit ihren Toten neben die der Chriſten zu ſtellen, und haben einen beſonderen Raum, nebſt einem zweiten Zimmer daneben für den Wächter, begehrt, was ihnen auch bewilligt wurde. Wir haben unſererſeits gegen dieſe Berückſichtigung gar nichts einzuwenden; allein wir meinen: was den 900 Juden Gießens bei der ſtädtiſchen Verwaltung recht iſt, das ſollte auch den 24 400 Chriſten billig ſein; und was man bei der kleineren katholiſchen Gemeinde an konfeſſionellen Ein⸗ richtungen und Uebungen anſtandslos geſchehen ließ, das dürfte auch der großen evangeliſchen Gemeinde nicht verwehrt werden iſt ihr aber, wie wir ſehen werden, verwehrt worden!

Im Zuſammenhang mit dieſer Ausnahmeſtellung der Juden hat Oberbürgermeiſter Mecum behauptet, die Friedhofskapelle habe in Folge eines Ver⸗ ſehens des Stadtbauamtes das Kreuzes⸗ zeichen erhalten ſie hat in Wirklichkeit ſogar drei Chriſtenkrenze, eines ſchöner als das andere, und neuer⸗ dings iſt im Hof der Halle ein prachtvolles Blumen⸗ kreuz hinzugekommen. Dieſe ſonderbare Behauptung erſcheint uns als die denkbar ärgſte Bloßſtellung und Verurteilung der Geſchäftsführung des Stadtbauamts, des früheren Oberbürgermeiſters, jetztigen Finanz⸗ miniſters Dr. Gnauth, und der ganzen Stadtverordneten⸗ verſammlung, vor Herrn Mecums Dienſtantritt dahier. Schon hat der frühere Stadtbaurat Schmandt die Be⸗ hauptung des Herrn Mecum für durchaus unrichtig erklärt, der frühere Oberbürgermeiſter wird, ohne den hohen Herrn irgendwie in den Streit hineinziehen zu wollen, um eine ſachliche Erklärung gebeten werden; und für die Stadtverordnetenverſammlung iſt es Ehrenſache, auch Pflicht gegenüber der Gemeinde, nicht nur durch einzelne Mitglieder, wie es reichlich und beſtimmt ſchon geſchehen iſt, ſondern auch als Kollegium, als Behörde, den wahren Sachverhalt feſtzuſtellen und zu veröffentlichen; zumal Herrn Mecums Erklärung in viele Blätter übergegangen iſt und viel Erſtaunen, aber auch Spott verurſacht hat ein Kreuz auf einer Kapelle aus Verſehen!

Als Ergebnis dieſer 1. Ausführung können wir hinſtellen: Unſer neuer Friedhof mit ſeiner ſchönen, würdigen, kreuzgeſchmückten Friedhofskapelle iſt tatſäch⸗ lich kein konfeſſionsloſer, auch genau genommen wie die Juden ſelbſt ſehr verſtändig zugeben, ſiehe

3

Anhang 4 keinallgemeinkonfeſſioneller, ſondern einchriſtlich⸗konfeſſioneller, wobei ſelbſtverſtändlich die Konfeſſionsloſen, Religionsloſen, Ungläubigen u. ſ. w. auf's friedlichſte mit eingeſchloſſen ſind, dies beſtätigt ſogar die Redaktion der Frank⸗ furter Zeitung in einem frellich ziemlich verwor⸗ renen Schreiben an einen hieſigen Herrn, worin ſie wohl auch unſeren Friedhof konfeſſionslos nennt, aber zugleich wörtlich erklärt,daß gegen die Abſicht der zu⸗ ſtändigen Stellen die Friedhofskapelle verſehentlich mit einem Kreuze gekrönt und daß dadurch der Friedhof zu einer ausſchließlichchriſtlichen Begräb⸗ nisſtätte geſtempelt wurde. Alſo völlig unſere Meinung! 2.

Es iſt unrichtig und widerſpricht allen Tatſachen, daß die Angriffe derFrankfurter Zeitung(Thu⸗ dichum) und vieler anderen Blätter ſich zumeiſt per⸗ ſönlich gegen den evangeliſchen Pfarrer Dr. Naumann in Gießen richten, als hätte er ſelbſt⸗ ſtändig, von ſich aus alles Geſchehene geplant und aus⸗ gerichtet und erſt nachträglich die Zuſtimmung des Kirchenvorſtandes gefunden. Dabei werden recht ge⸗ häſſige Vorwürfe gegen denſelben erhoben. Tatſache iſt es, daß der Evangeliſche Geſamt⸗Kirchenvorſtand die Friedhofsweihe ſelbſt und alle Einzelheiten ihrer Vor⸗ nahme einmütig, auch unter Mitwirkung der drei anderen Pfarrer, beſchloſſen, und daß Pfarrer Nau⸗ mann als 1. Pfarrer und Vorſitzender lediglich das ihm Aufgetragene, pflichtmäßig Obliegende ausgeführt hat. Dabei hat anunchriſtliches Beſtreben, ſelbſt auf dem Ruheplatze der Toten konfeſſionelle Kämpfe auszu⸗ kämpfen, anzelotiſchen, mittelalterlichen Geiſt, an Aufhetzung der Bürgerſchaft durch das anmaßende Pfaffentum und was dergleichen Wortblumen mehr ſind, niemand gedacht. Gradezu erheiternd wirkt für Sachkundige die Erklärung Thudichums, daß dem Ver⸗ nehmen nach Pfarrer Naumann aus Norddeutſch⸗ land ſtammt, woſelbſt Geſetze und Gebräuche anders ſein möchten, alsin Heſſen, wo der Geiſt Philipps des Großmütigen noch nicht ganz verſchwunden iſt. Denn Pfarrer Naumann iſt geborener Heſſen⸗Darmſtädter, hat 50 Jahre ſeines Erdendaſeins im Lande Philipps der Großmütigen ver⸗ lebt und iſt von deſſen Geiſt vielleicht mehr umweht worden, als Profeſſor Thudichum. Wenn letzterer ſich Kenntnis der kirchlichen Verhältniſſe Gießens zuſpricht, weil er vor einem halben Jahrhundert einige Zeit hier ſtudiert hat, ſo kann Pfarrer Naumann, der auch hier ſtudierte und nun ſchon über 23 Jahre lang als Geiſt⸗ licher ununterbrochen in Gießen wirkt, es hierbei wohl auch mit dem gelehrten Herrn aushalten.

3.

Am ärgſten ſind die Unrichtigkeiten und Ver⸗ drehungen in den Zeitungen bei Darſtellung des Her⸗ gangs der ganzen Friedhofsweihe⸗Angelegenheit. Gleich zu Anfang erſchienen falſche Berichte. Genaue Kenntnis von allem Geſchehenen erhielten freilich auch nur, wie wir oben ſchon andeuteten, die Mitglieder des Kirchenvorſtands und der Gemeindevertretung. Von zuſtändiger Seite hielt man mit öffentlicher Darſtellung zurück in Rückſicht auf die amtliche Behandlung der Sache bei den Behörden. Dann ließ Profeſſor Thu⸗ dichum ſein Machwerk in derFrankfurter Zeitung erſcheinen, und ihm folgten, da dieſes Blatt keine Be⸗ richtigung aufnahm, viele andere Blätter. Nun endlich müſſen auch wir reden.

Der wahre Hergang war folgender: