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fuhr über Bremen, der die Benutzung des Waſſerweges bis Kaſſel zur Verfügung ſteht, kaum noch bis Treyſa hin konkurrenzfähig. Die Schiffbarmachung der Lahn bis Gießen würde, unter der Vorausſetzung, daß hinreichend große Schiffe von Rotterdam ohne Um⸗ ladung auf die Lahn übergehen können, den Umweg über Mainz-Frankfurt a. M. und den Eiſenbahntransport Frankfurt a. M.⸗Gießen überflüſſig machen.
Unter den Maſſengütern, die für den Waſſertransport in Betracht kommen, ſtehen faſt überall in erſter Linie Kohlen. Insbeſondere iſt dies dann der Fall, wenn die Benutzung des Waſſerweges direkt bis in das Kohlenrevier möglich iſt, wie es bei der Kanaliſierung der Lahn zutreffen wird. Bei der ausgedehnten Verwendung, welche die Kohlen in den verſchiedenſten Zweigen gewerblicher Tätigkeit, wie im Haushalte finden, hat die Höhe der Frachtkoſten eine allgemeine Bedeutung. Die folgende Tabelle gibt für 7 Stationen im nördlichen Oberheſſen den jährlichen Empfang von Stein— kohlen für die letzten Jahre an(in Tonnen):
Jahr 1899 10900 1901 1902 10903 Gießen.. 61 164 69 836 67 288 66 606 V 72 948 Gr.⸗Linden 3 418 4 0400 4097 4 814 5 525 Lollar.. 5 720 6 155 5 124 3 629 6 113 Abendſtern 3 110 3 9722 3700 4 144 4 130 Butzbach. 9 710 10 155 10 181 10 556 10 881 Alsfeld.. 3 442 3 524 4 035 4 529 4 828 Lauterbach 5 507 6 018 4947 5024 5 145
Zuſammen 92 071 103 700 99 372 99 302 109 570
Für den Bezug von Steinkohlen auf der Lahn würde von den benachbarten preußiſchen Stationen beſonders Marburg in Betracht kommen, das jetzt jährlich einen Empfang per Bahn von etwa 33 000 Tonnen hat. Der Bezug von Kohlen wird für den nördlichen Teil von Oberheſſen und die benachbarten preußiſchen Gebietsteile pro Jahr auf rund 170 000 Tonnen zu veranſchlagen ſein. Ruhrkohlen werden jetzt aus⸗ ſchließlich auf der Bahn bezogen, nach Schiffbarmachung der Lahn wird aber ein großer Teil hiervon den Waſſerweg benutzen.
Braunkohlen und Briketts werden zwar in Oberheſſen gewonnen, doch können ſie nach dem Rheine hin mit den Produkten der rheiniſchen Werke nur bis zu einer gewiſſen Grenze konkurrieren. Die meiſten oberheſſiſchen Werke liegen von Gießen zu weit entfernt, als daß für ſie die Benutzung des Waſſerweges in Frage kommen könnte. Nur bei beſonders ermäßigten Umſchlagstarifen nach Gießen iſt von einzelnen Betrieben ein Verſand auf der Lahn zu erwarten.
Von ſonſtigen Gütern, die für die Schiffahrt in Betracht kommen, ſeien(abge— ſehen von manchen Artikeln des Baugewerbes) Oele und Fette, insbeſondere Petro⸗ leum erwähnt. Das in der hieſigen Gegend gebrannte Petroleum iſt zum größten Teil amerikaniſcher, daneben auch ruſſiſcher und öſterreichiſcher Herkunft. Der Empfang der Station Gießen beziffert ſich in den letzten Jahren auf etwa 2100 bis 2500 Tonnen. Petroleum eignet ſich vorzüglich zum Waſſerverſand. Bei Ermöglichung eines Tank⸗ ſchiffverkehrs auf der Lahn würde der jährliche Bezug über Gießen einer erheblichen Ausdehnung fähig ſein, da ein größeres Hinterland von hier aus verſorgt werden könnte. Auch Mineralwaſſer und Kohlenſäure, die an der Lahn und an dem Rhein in großer Menge gewonnen werden, würden durch billige Waſſerfracht von Gießen nach Norden ein größeres Abſatzgebiet erhalten, während ſüdlich von Gießen die Mineral— quellen der Wetterau ihre Produkte abſetzen würden.
Aus den vorſtehenden Darlegungen geht hervor, daß viele Erwerbszweige in der Provinz Oberheſſen an der Gewährung niedrigerer Frachten lebhaft intereſſiert ſind und von der Schiffbarmachung der Lahn bis Gießen, die dieſes Ziel verfolgt, ſich einen großen Nutzen verſprechen. Bei dem großen Einfluß der Transportkoſten auf die Preis⸗ bildung und die wirtſchaftliche Entwicklung iſt die möglichſte Verminderung dieſes Fak— tors ein im allgemeinen Intereſſe erſtrebenswertes Ziel.
Um ein Urteil über den Einfluß der Schiffbarmachung der Lahn auf die Ent⸗ wicklung der einzelnen Induſtrie- und Handelszweige zu gewinnen, iſt es zweckmäßig, eine Zuſammenſtellung der jetzigen Eiſenbahnfrachtſätze und der Waſſer⸗ frachten der hierbei am meiſten intereſſierten Güterarten zu geben.
Die Notlage des Eiſenſteinbergbaues an der Lahn, Dill und Sieg hat ſchon vor Jahren die Eiſenbahnverwaltung zur Bewilligung niedrigerer Ausnahme⸗


