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heſſen in demſelben Jahrzehnt nur um 6,06% zugenommen hatte. Die Getreide⸗ produktion der Provinz Oberheſſen deckt nicht nur den heimiſchen Bedarf, ſondern geſtattet auch eine erhebliche Ausfuhr. Aufgabe des Getreidehandels iſt es, die den hieſigen Bedarf überſteigende Produktion nach Gegenden mit ſtarkem Konſum hinzuführen. Oberheſſiſches Getreide geht in der Hauptſache nach Frankfurt a. M. und Südweſt⸗ deutſchland. Früher fand ein ausgedehnter Verſand von oberheſſiſchem Weizen nach dem Oberrheine bis nach der Schweiz und Frankreich hin ſtatt. Dieſes Abſatzgebiet konnte aber bei dem zunehmenden Wettbewerb des ausländiſchen Weizens auf die Dauer nicht erhalten werden, da die Produktions⸗ und Frachtkoſten für das hieſige Produkt ſich nicht in dem erforderlichen Maße verminderten. Eine hinreichende Fracht— ermäßigung wird es dem oberheſſiſchen Getreidehandel ermöglichen, die verloren gegangenen Abſatzgebiete wieder zu erringen oder wenigſtens die ihm jetzt von dem Auslande beſtrittenen Märkte zu ſichern und den oberheſſiſchen Weizen im Wettbewerb mit dem ausländiſchen Produkte zum Vorteile unſerer Landwirtſchaft leiſtungsfähiger machen. Wie weit dieſes Ziel ſich durch die Schiffbarmachung der Lahn bis Gießen erreichen läßt, wird davon abhängen, ob die in Gießen mit Getreide beladenen Schiffe ohne Umladung den Rhein paſſieren und bis zum Beſtimmungsorte fahren können.
Die vielleicht auftretenden Befürchtungen der Landwirtſchaft, daß durch die Schiff⸗ barmachung der Lahn ein neues Einfallstor für ausländiſches Getreide geſchaffen würde, iſt nur zu einem geringen Teile begründet.
Ein Einfallstor für ausländiſches Getreide iſt bereits durch die Kanaliſierung des Maines geſchaffen, die den direkten Bezug von Rotterdam ſelbſt in ſolchen Schiffen geſtattet, die wegen ihrer Größe die Lahn niemals paſſieren können. Der Ausbau des oberheſſiſchen Eiſenbahnnetzes hat dazu beigetragen, daß bereits jetzt von Frankfurt a. M. aus die hieſige Gegend leicht mit ausländiſchem Getreide verſorgt werden kann, ſoweit dafür eine Nachfrage ſich geltend macht. Die Kanaliſierung der Lahn wird an dieſer Tatſache nur wenig ändern können, dafür aber die Ausfuhr von Getreide erleichtern und der hieſigen Landwirtſchaft durch billigeren Bezug von Dünge⸗ und Futtermitteln erhebliche Vorteile bringen. Hierzu kommt, daß jede Verbilligung des Verkehrs durch neue Schiffahrtswege die induſtrielle Entwicklung fördert, den Wohlſtand und damit die Kaufkraft hebt und der Landwirtſchaft für ihre Erzeugniſſe beſſere Preiſe gewähr⸗ leiſtet. Die höheren Preiſe geben aber auch der Landwirtſchaft die Mittel, höhere Löhne zu bezahlen und damit dem Arbeitermangel zu begegnen.
Die intenſive Betriebsweiſe nötigt die Landwirtſchaft in immer ſteigendem Maße zum Bezuge von Düngemitteln. Dieſe Erſcheinung zeigt ſich z. B. in dem wachſenden Verkehr an Düngemitteln auf der Station Gießen, der im Jahre 1893/94 966 Tonnen(Empfang und Verſand), im Jahre 1898/99 2115 Tonnen betrug und ſich im Jahre 1903 auf 6977 Tonnen belief.
Die Verwendung von Düngemitteln iſt noch in der Entwicklung begriffen und wird wahrſcheinlich noch erheblich zunehmen. Die Frachten ſind für dieſe Artikel ſchon jetzt ſehr niedrig, doch iſt eine noch weitergehende Verbilligung der Transportkoſten bei Benutzung des Waſſerweges zum Vorteile der Landwirtſchaft vorausſichtlich möglich.
Futtermittel werden ebenfalls von Landwirten vielfach bezogen. Die Station Gießen hatte z. B. in den letzten Jahren folgenden Verkehr an Mais und Kleie aufzuweiſen(in Tonnen):
Im V Mais Kleie Jahre V Empfang Verſand Empfang V Verſand 1898/99 1 683 528 1 689 426 1899 1 370 414 1 741 481 1900 1 150 431 1 788 585 1901 1 230 559 2 232 715 1902 750 333 1 983 814 1903 1 180 58⁵ 2 809 972
Viele Wagenladungen gehen jetzt direkt nach den Stationen in der näheren und weiteren Umgebung von Gießen, die bei einer Kanaliſierung der Lahn mit Vorteil den Waſſerweg bis Gießen benutzen würden.
Eine Frachtverbilligung für ausländiſche Futtermittel durch Schiffbarmachung der Lahn würde dem Handel und der Landwirtſchaft Vorteile bringen. Der hieſige Handel mit ausländiſchen Futtermitteln, unter denen in erſter Linie Mais zu erwähnen iſt, iſt heute bei Benutzung des Waſſerweges Rotterdam— Frankfurt a. M. mit der Ein⸗


