— 50—
Aufnahme der Fäkalien in das Kanalſyſtem.
Der Frage gegenüber, ob die Fäkalien durch das zu bauende Kanalſi mit abgeſchwemmt werden ſollen oder nicht, muß man ſich zunächſt klar dan ſein, daß
1. für die Höhe der Baukoſten des Kanalſyſtems es an ſich gleichgültig
ob man die Fäkalien mit abſchwemmen läßt oder ſie anderweitig ſeitigt, und daß
durch den Ausſchluß der Fäkalien ihrer bedenklichen Eigenſchaften
2. die Abwäſſer, ſoweit ihr Gehalt an Krankheitskeimen in Betracht 1 entkleidet werden.
In erſterer Beziehung kann auf die Darlegungen in den vorliegenden niſchen Projekten und insbeſondere die Aeußerung des Baurat Lindley vermi werden, nach welcher„der Verzicht auf die Einleitung der Fäkalien keinerlei! einfachung des Projektes ermöglichen und auch nicht die Anwendung kleinerer menſionen der Kanäle zuläſſig erſcheinen laſſen“ würde.
Was den zweiten Punkt betrifft, ſo gelangen in denjenigen kanaliſe Städten, in welchen die Fäkalien in Gruben oder Tonnen aufgeſpeichert werden, Krankheitsfällen, wie Typhus und Cholera, die Darmentleerungen der Kranken fahrungsgemäß doch häufig ſelbſt in unverdünntem Zuſtande, jedenfalls aber Spül⸗ und Reinigungswäſſern in die Kanäle hinein. Dabei ſoll nicht beſte werden, daß bei ſehr ſorgfältiger Ueberwachung das Gruben- oder Tonnenſiſ den zu ſtellenden hygieniſchen Anforderungen zu genügen vermag. Jedenfalls aber eine ſolche Ueberwachung erfahrungsgemäß in der Praxis auf erhell Schwierigkeiten.(Undichte Gruben, überlaufende Tonnen ꝛc.)
Auch laſſen ſich bei Gruben oder Tonnen die Fäulnisgaſe nur ſchwer Wohnungen vollſtändig fernhalten.
In äſthetiſcher und hygieniſcher Beziehung ſind zweifellos die Waſſerk mit ſofortiger Abſchwemmung der Fäkalien durch die Kanäle das Vollkommen Der durch ſie gebotene Vorteil iſt ſo groß, daß bekanntlich ſchon jetzt viele Einwo Gießens ſich ihrer bedienen, obwohl die häufige Abfuhr des ſtark verdünnten Grut inhalts mit erheblichen Koſten und mit Beläſtigung verknüpft iſt.— Der Einmw daß die Fäkalien der Landwirtſchaft zu gute kommen ſollten, kann gegen ihre! ſchwemmung nicht weſentlich ins Gewicht fallen. Ganz abgeſehen davon, daß in erſter Linie äſthetiſche und hygieniſche Geſichtspunkte in Betracht kommen, veut das in den Gruben aufgeſpeicherte Material durch die faulige Zerſetzung erhet an Wert, und auf der anderen Seite werden bei einer geordneten Kanaliſation m deſtens die geformten Beſtandteile zum teil der landwirtſchaftlichen Verwertung halten. Mehr und mehr gehen dementſprechend auch die Städte zur Abſchwemm der Fäkalien über, zumal die Abnahme des Grubeninhalts ſeitens der Landwirt beim Wachstum der Bevölkerung auf große Schwierigkeiten zu ſtoßen pflegt. Kon es doch ſogar vor, daß man die in den Gruben geſammelten und mit erhebli Koſten abgefahrenen Fäkalien, nur um ſie los zu werden, ſchließlich doch in Fluß ſchüttet.— Bei der erörterten Sachlage bin ich nicht zweifelhaft, daß mal Gießen nach Fertigſtellung der Kanaliſation alsbald die Abſchwemmung der Fätit geſtatten ſollte. Ich gehe aber noch weiter, indem ich dieſelbe von vornherein dh gatoriſch gemacht ſehen möchte, wie das ſeitens anderer Städte, meines Wiſſenst kurzem auch ſeitens unſerer Nachbarſtadt Marburg, geſchehen iſt. Ich gebe d weiteres zu, daß unter dem Druck der öffentlichen Meinung, insbeſondere der Wün des Wohnungſuchenden Publikums der Anſchluß der Kloſets an die Kanaliſc auch ohne behördlichen Zwang allmählich erfolgen würde, ich bin aber der Ui zeugung, daß die Hauskanaliſationen richtiger und nebenbei auch billiger ausgeſtt werden, wenn von Anfang an die Abſchwemmung der Fäkalien vorgeſchrieben ü Noch ein anderer Umſtand ſpricht für ein ſolches Vorgehen: Die über Dach gefiuſ Fallröhren des Kloſets bilden nämlich ein vortreffliches Ventilationsmittel für Kanalſyſtem, auf das meines Erachtens nicht verzichtet werden ſollte.— Im übr möchte ich nur noch darauf hinweiſen, daß eine undichte oder ſchlecht ventiln Grube nicht nur Boden und Luft im Bereiche ihres Beſitzers, ſondern auch im reiche der Nachbarn zu verunreinigen vermag, und daß auch die ſonſt mit N Gruben- und Tonnenſyſtem gelegentlich verknüpften Beläſtigungen oder Gefalt


