Anlage VI.
Gutachten
des
Stadtverordneten, Geheimen Medizinalrates prof. Dr. Gaffky,
betreffend
die Kanaliſation der Stadt Gießen, d. d. 26. November 1808.
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Notwendigkeit der Kanaliſation.
Der Erkenntnis, daß eine ſyſtematiſche Kanaliſation der Stadt Gießen all— mählich ein dringendes Bedürfnis geworden iſt, dürfte ſich unter den zur Entſcheidung über die vorliegende Frage Berufenen wohl Niemand verſchließen. Die Notwendig⸗ keit einer geordneten Kanaliſation ergiebt ſich nach einem allgemeinen Erfahrungs⸗ ſatze ſchon aus dem Vorhandenſein unſerer zentralen Waſſerverſorgung. Eine Stadt von der Größe Gießens, die für den Kopf der Bevölkerung täglich 40 Liter an reinem Waſſer zuführt, muß dafür ſorgen, daß dieſe beträchtliche und ſtetig ſich vermehrende Waſſermenge, nachdem ſie durch den verſchiedenartigſten häuslichen und ſonſtigen Gebrauch in Schmutzwaſſer ſich verwandelt hat, möglichſt ſchnell und möglichſt voll— ſtändig aus dem Bereiche der Wohnſtätten entfernt wird, und zwar in einer Weiſe, welche die Verunreinigung der Waſſerläufe auf ein thunlichſt geringes Maß beſchränkt. Dieſer Anforderung iſt eben nur durch eine zielbewußt durchgeführte Kanaliſation zu genügen. Allerdings erfordert eine ſolche Kanaliſation große finanzielle Auf⸗ wendungen. Dieſelben werden aber nicht nur gelohnt durch die beträchtlich größere Annehmlichkeit und Behaglichkeit des ſtädtiſchen Lebens, wie ſie durch die Reinhaltung der Luft, des Bodens und der Waſſerläufe ſich ergiebt, ſondern ſie werden auch, wie ebenfalls die Erfahrung überall gezeigt hat, zum erheblichen Teil ausgeglichen durch eine Verminderung der Erkrankungs⸗ und Sterblichkeitsziffer. Hier kommen vor allem die Infektionskrankheiten in Betracht. Städte, welche neben einer guten zentralen Waſſerverſorgung einer den ſanitären Anforderungen entſprechenden Kanali⸗ ſation ſich erfreuen, bieten Volksſeuchen, wie Cholera und Unterleibstyphus, keinen geeigneten Boden mehr. Aber auch die Keime anderer Infektionskrankheiten werden um ſo ſchneller und vollſtändiger entfernt und damit unſchädlich gemacht, je voll— kommener ſie im Bereiche der Wohnſtätten mit den Schmutzwäſſern in einem ge⸗ ſchloſſenen Kanalſyſtem aufgenommen und beſeitigt werden. Die durch Krankheiten bedingten Verpflegungskoſten und Arbeitsverluſte repräſentieren bekanntlich große Summen, und die für die ſanitären Verbeſſerungen der Stadt aufgewendeten Mittel ſind daher keineswegs unproduktiv. Ich brauche nur auf eine Berechnung von Pettenkofer zu verweiſen, nach welcher eine Stadt von 25 000 Einwohnern, die ihre jährliche Sterblichkeit nur um 2%:(zwei auf 1000 Einwohner) vermindert, durch Wegfall der mit den Erkrankungen verbundenen Geldverluſte im Jahre die Summe von etwa 70 000 ℳ erſpart. Eine derartige und ſelbſt weit beträchtlichere Ver⸗ minderung der Sterblichkeit hat man im Gefolge der Kanaliſation aber gar nicht ſelten konſtatieren können.
Die vorſtehenden kurzen Hinweiſe dürften genügen, die Notwendigkeit einer geordneten Kanaliſation von allgemeinen Geſichtspunkten aus in das richtige Licht zu ſetzen. Darüber, daß die zur Zeit in Gießen beſtehenden Zuſtände einen längeren Aufſchub nicht mehr geſtatten, kann ein Zweifel wohl nicht beſtehen. Es genügt in dieſer Beziehung auf den derzeitigen Zuſtand des die Stadt durchfließenden offenen Stadtgrabens hinzuweiſen, deſſen Waſſer, trotz der ſtändigen Zufuhr reinen Lahn⸗ waſſers, mehr und mehr zu einer, namentlich im Sommer übelriechenden Brühe geworden iſt.


