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Das "Studentenwerk Gießen e.V." : (vormals Gießener Studentenhilfe) : ein Beitrag zu seiner Geschichte / von Emil Kraus
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über. Beide Ämter entwickelten eine beſonders ſegensreiche Tätig⸗ keit. In den Sommerferien 1925 konnten 8o Stellen im Bergbau, 46 Hilfsarbeitsſtellen in Induſtrie, Landwirtſchaft und in kauf⸗ männiſchen Betrieben an Werkſtudenten vermittelt werden. Die Beſchäftigung in der Landwirtſchaft war trotz großen Angebotes gering, da dort wohl freie Verpflegung und Unterkunft, aber nur geringes Taſchengeld gegeben wurde, ſo daß eine RKücklage für das Semeſter nicht möglich war. Dagegen bot der Bergbau trotz ſeiner relativ hohen Löhne in den meiſten Fällen auch Unterkunft und Verpflegung zu ſehr mäßigem Preis.

Alle genannten Einrichtungen der Studentenhilfe entwickelten in jener Feit ſtärkſter Inflation eine ſehr ſegensreiche Tätigkeit. Die Studentenhilfe mußte damals ihre größte Aufgabe darin ſehen, den täglich wachſenden wirtſchaftlichen Schwierigkeiten wirkſam entgegenzutreten. Die ſtarke Fürſorgetätigkeit entſprach der Not der Feit, und es mußten alle Anſtrengungen gemacht werden, um die Mittel für ihre Durchführung zu erhalten. Starke Hilfe gab da⸗ mals die Induſtrie und einige valutaſtarke ausländiſche Freunde. Unter dieſen ſtand an erſter Stelle Herr Göbel aus Brooklyn mit ſeinen ſehr wertvollen Fettlieferungen. Aber all dies genügte nicht. Die Studenten wurden ſelbſt mobil gemacht; ſie waren verpflich⸗ tet, während der Ferien in der Heimat zu werben, an kapital⸗ kräftige Leute heranzutreten und dieſe zu einer Unterſtützung der Studentenhilfe zu veranlaſſen. Die Werbung wurde erſtmalig auch auf die Landwirtſchaft ausgedehnt. Vier Schweſtern und mehrere Studenten zogen im Herbſt 1925 hinaus auf ein Gut, um die geſtifteten Kartoffeln ſelbſt auszumachen. Eine großzügige Werbung, an der ſich viele Studenten beteiligten, erbrachte im ganzen 6oo Zentner Kartoffeln, z0 Fentner Zülſenfrüchte, ferner Getreide, Eier und Mehl. Die Not war damals auch anderweitig groß, aber es muß anerkannt werden, daß die Studentenhilfe über⸗ all großes Verſtändnis fand. Auch war das Verhältnis von Stadt und Land noch unter der Auswirkung des gemeinſamen Kriegs⸗ erlebniſſes recht gut.

Große Sorge machte der Studentenhilfe die Wohnungsnot. Wohl tat das Studentiſche Wohnungsamt alles, was in ſeinem Bereiche möglich war, aber der Erfolg war nur gering. Es wurden für die größte Not Durchgangslager eingerichtet, ſo in den Kliniken und in einer Baracke der Heil⸗ und Pflegeanſtalt. Verſchiedene Pro⸗ jekte zur Beſchaffung ſtudentiſcher Wohnungen ſcheiterten immer wieder. Erſt als im Herbſt 1925 durch eine Spende von zwei

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