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Das "Studentenwerk Gießen e.V." : (vormals Gießener Studentenhilfe) : ein Beitrag zu seiner Geschichte / von Emil Kraus
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umzäunung, mit wildem Wein und Flieder. Das ganze war eine etwas rätſelhafte Inſel, beinahe ſchon außerhalb der Welt, be⸗ ſonders wenn man bedenkt, daß man im Winter erſt durch Hohl⸗ wege und Sümpfe ſtapfen mußte, um zu ſeinem Mittageſſen zu kommen. Von dieſer Romantik iſt heute allerdings keine Spur mehr vorhanden. Aber all das machte gar nichts aus. Wir hatten ja erſt einen Krieg hinter uns, die Inflation hatte Verhältniſſe ge⸗ ſchaffen, die alle Maße verſchoben. Die Schweſtern, die ſelbſt im Kriege tätig waren, die Studenten, kurz vorher noch Soldaten, noch jetzt vielfach im feldgrauen Rock, die Hände voll Schwielen von der harten Arbeit in Landwirtſchaft, Bergbau und Eiſenhütten! Sie paßten alle hinein in dies ganze Bild, das ſich hier oben auf der Ausſicht bot. Die Verbindungen kamen mittags angefahren mit Leiterwägelchen, um das Eſſen in großen Töpfen auf ihre Häuſer zu holen. Und was gab es? Süße Suppen, grüne Soße, Feis mit Fucker und Fimt, Steckrüben und ſonſtigeTages⸗ oder Wochenberichte, und vor allem etwas, das ſich vornehmIriſch⸗ ſtew nannte. Es hat aber immer ausgezeichnet geſchmeckt.

Mit dem Ankauf derSchönen Ausſicht begann die Feit der Werkbetriebe. Schon lange hatte man an eine Buchbinderei ge⸗ dacht; daraus ſollte aber nie etwas werden. Funächſt wurde im Obergeſchoß derSchönen Ausſicht eine Schuhmacherei eingerich⸗ tet. Ein Schuhmachermeiſter, der früher einige Semeſter ſtudiert hatte, gab der wirtſchaftlichen Not wegen kurz entſchloſſen ſein Studium auf, erlernte das Handwerk Hans Sachſens und richtete eine Werkſtatt ein. Bedürftigen Studenten wurden größere Preis⸗ nachläſſe auf Schuhreparaturen gewährt. Der Neiſter erhielt als Gegenleiſtung Wohnung und freie VYerpflegung für ſich und ſeine Gehilfen. Größere Lederzuwendungen des Heſſiſchen Gerberver⸗ bandes ermöglichten, daß an beſonders bedürftige Studenten eine große Zahl neuer Schuhe verteilt werden konnte. Der Name des Meiſters iſt urt Maria Frener. Einer ſeiner Gehilfen über⸗ nahm nach ſeinem Ausſcheiden die Schuhmacherei. Es war der jetzige Obermeiſter der Gießener Schuhmacherinnung, Emil Kraus, der Verfaſſer dieſer Zeilen.

Im Frühjahr 1925 war inzwiſchen die Studentenſpeiſung eine ſo umfangreiche Einrichtung geworden, daß man an die Vergröße⸗ rung der Gärtnerei dachte. Ein Gärtner, früher Student an einer techniſchen Hochſchule, wurde feſt angeſtellt, und unter ſeiner Leitung erwuchs allmählich ein anſehnlicher Betrieb mit vielen Miſtbeetkäſten, großen Salat- und Tomatenkulturen. Fahlreiche

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