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Das "Studentenwerk Gießen e.V." : (vormals Gießener Studentenhilfe) : ein Beitrag zu seiner Geschichte / von Emil Kraus
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Leiterin, Oberſchweſter Martha Bohnen, die noch heute im Studentenwerk führend tätig iſt.

Das Heim hatte ſich die Aufgabe geſtellt, den Soldaten und Stu⸗ denten ein den damaligen Zeiten entſprechend gutes und billiges Eſſen zu bieten. Darüber hinaus bot es Räume zu ungeſtörter geiſtiger Arbeit und zur Erholung. Im Hauſe des früherenKaffee Ebel lagen zu ebener Erde das Soldatenheim(ſpäter Druckerei und kleines Heim) und der große und kleine Saal für die Stu⸗ dentenſpeiſung. Im 1. Stock ſtanden ein Muſik⸗, ein Arbeits⸗ und ein Leſezimmer zur Verfügung. Im 2. Stock lagen die Wohn⸗ und Schlafräume der Schweſtern. Es iſt ſchwer, ſich heute in jene Seiten zurückzuverſetzen. Deutſchland ſtand unter dem vielfachen Druck politiſcher Unſicherheit im Innern, feindlicher Beſetzung großer Gebietsteile und eines noch immer wirkſamen Wirtſchafts⸗ boykotts. Es fehlte am Nötigſten. Noch gab es Brotkarten; die Studenten mußten z. B. einen Teil ihrer Brotkarten an das Heim abgeben, um den Schweſtern die Beſchaffung der Lebensmittel zu ermöglichen. Nur zweimal wöchentlich gab es Fleiſch, man war froh für Salzgemuüſe, Milch kannte man faſt nicht mehr. Und nur zweimal wöchentlich war der Speiſeſaal geheizt, denn es mangelte an Kohlen; die Schweſtern hatten keinen eigenen geheizten Raum; ſie waren auf das Muſik⸗ und Leſezimmer angewieſen. Es war ſchwer, von den Behörden die nötigſten FZuweiſungen an Lebens⸗ mitteln und Brennſtoffen zu erhalten. Als dann mit der Auflöſung der alten Armee und der Lazarette das Heim notwendiger weiſe mehr und mehr den Charakter eines Soldatenheimes verlor, hieß es, den Verluſt an Eſſensteilnehmern, beſonders auch während der Univerſitätsferien, wirtſchaftlich auszugleichen. Die Schweſtern ent⸗ ſchloſſen ſich, den Mittag⸗ und Abendtiſch auch für die Bürger⸗ ſchaft zu öffnen, und kamen damit einem Bedürfnis einzelſtehender Perſonen entgegen. Auch verſchiedene Dozenten waren damals regel⸗ mäßige Eſſensteilnehmer.

Im Jahre 1920 ſtiegen die wirtſchaftlichen Schwierigkeiten; die Schweſtern vom Allenſteiner Verein, der ſelbſt unter den ver⸗ änderten Verhältniſſen zu leiden hatte, nur ungenügend unterſtützt waren ſchließlich gezwungen, an die Univerſität heranzutreten, deren Intereſſen ſie ja vertraten, um ſo eine wirkſame Hilfe im Kampfe um die Exiſtenz des Heimes zu erlangen. Dieſer Schritt war er⸗ folgreich. Der heſſiſche Staat ſtellte durch Vermittlung der Uni⸗ verſität zur ſofortigen Behebung der wirtſchaftlichen Schwierig⸗ keiten dem Heim 20 ooo Mk. zur Verfügung und ſagte laufende

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