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Hochwürdigſter Herr Biſchof! Gnädigſter Oberhirt!
Gewöhnt, in allen Angelegenheiten unſerer heiligen Kirche auf Ew. Biſchöflichen Gnaden, als getreue katholiſche Prieſter hinzublicken und uns an Hochdieſelben vertrauensvoll anzuſchlie⸗ ßen, fühlen wir uns heute gedrängt, bei Ew. Biſch. Gnaden unſere Empfindungen über ein Ereigniß auszuſprechen, das ſo⸗ wohl unſere, als die Gemüther der Katholiken des Bisthums überhaupt zu beunruhigen nur zu geeignet iſt.
Die Verſetzung des Profeſſors der katholiſchen Theologie an der Univerſität Gießen, Dr. Caspar Riffel, in den Ruhe⸗ ſtand, wegen eines von ihm verfaßten, die Kirchenſpaltung des ſechzehnten Jahrhunderts und ihre Urheber von katholiſchem Standpunkte aus beleuchtenden, wiſſenſchaftlichen Werkes, iſt dies betrübende Ereigniß, in welchem wir nothwendig nicht bloß die Perſon des genannten Gelehrten, ſondern auch die Facultät, die zugleich die theologiſche Lehranſtalt unſeres Bisthums iſt, und eben darum unſere Kirche ſelbſt auf das ſchmerzlichſte ver⸗ wundet finden. Denn wie, ſo mußten wir, ſo mußten ſämmt⸗ liche Katholiken des Bisthums bei dieſer Veranlaſſung fragen, iſt die katholiſche Wiſſenſchaft alſo in Gießen nicht frei? die daſelbſt angeſtellten katholiſchen Theologen, berufen als katho liſche Gelehrte, ſei es auf dem Katheder oder durch ihre Schrif ten zu wirken, dürfen ſich alſo in Gießen nicht ungehindert be wegen, nicht ungehindert ſchreiben und leſen, ſondern müſſen ſich jenen läſtigen, das freie Forſchen hemmenden und die Mit theilung des Erforſchten erſchwerenden Rückſichten bequemen die eine herrſchende Mehrzahl ſo gern der Minderzahl auf erlegt?
Während man proteſtantiſcher Seits in allen Ländern des deutſchen Vaterlandes das Recht freier Rede in wiſſenſchaftli chen Werken in Anſpruch nimmt, und geſtützt auf dieſes Recht unſere Kirche bekämpft, während beſonders auf dem hiſtoriſchen Felde dieſer Kampf der Anſichten ſo lebhaft und ſo entſcheidend


