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Eine Folge der berührten Mißverhältniſſe war, daß die Theo⸗ logieſtudierenden, dem kirchlichen und klerikalen Leben fremd, in den Strudel des burſchikoſen Univerſitätslebens hineingezogen wurden. Es war nicht unerhört, daß Theologen an vielen Sonntagen die heilige Meſſe verſäumten, nicht am Tiſch des Herrn erſchienen und überhaupt über die Kirchengebote ſich weg⸗ ſetzten, ſo daß ſie ſogar gleich anderen Studenten ſich an den Duellen betheiligten. Wenn erſt nach Verlauf mehrerer Jahre durch ernſte Befehle dieſen ungeziemenden und blutigen Spielen gewehrt ward, ſo muß, da die Kirchengeſetze in Bezug auf das Duell ſo beſtimmt und ſo ernſt ſind, der Grund hievon darin liegen, daß die beiden Ordinariate von Mainz und Limburg nicht gehörig von Dem, was vorging, unterrichtet waren. Wenn aber ſo wichtige Dinge nicht zur Kenntniß des Biſchofs kamen, wie wird es mit minder wichtigen der Fall geweſen ſein? Nur unter den Augen des Biſchofs können die Geiſtlichen im Geiſt der Kirche erzogen werden; jede andere Einrichtung iſt ungenü⸗ gend. Jedoch kehren wir zur Facultät zurück.
Wie Staudenmaier, ebenſo war Kuhn im Anfange ſei⸗ nes exegetiſchen Lehramtes nicht ganz tadelfrei. Von rein philo⸗ ſophiſchen Studien weggerufen und plötzlich in die Exegeſe ge⸗ worfen, wandte er ſich vorzüglich proteſtantiſchen Schrifterklä⸗ rern zu, da er in ihnen am ſchnellſten den heutigen Stand der wiſſenſchaftlichen Bibelauslegung kennen zu lernen hoffte. Er nahm aber dadurch manche Meinungen an und adoptirte manche Er⸗ klärungen, zu denen er ſich jetzt nicht mehr verſtehen wird, und die auch in der That von Irrthum nicht frei zu ſprechen ſind. Seine Exegeſe und Kritik war überaus frei und rückſichtslos; aber— Das iſt das Erfreuliche, wenn geiſtreiche Männer mit Ernſt der Wahrheit nachforſchen, daß dieſelben, wenn ſie auch anfangs irren, allmälig auf das Rechte geführt werden, welches ſie dann mit um ſo mehr Eifer und Erfolg Anderen mittheilen, als ſie ſelbſt zur Erwerbung deſſelben große Mühe und Anſtrengung gehabt haben. Staudenmaier's und Kuhn's Wirkſamkeit in Gie⸗ ßen, die in der erſten Zeit in Bezug auf kirchliche Geſinnung und


