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Zwölf Jahre einer theologischen Facultät
Entstehung
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ſie gte, und und

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liches Dogma erhalten hatten oder die mehr in's Gebiet der Dis⸗ ciplin gehören, eine von der ſeither geltenden abweichende Mei⸗ nung zu hegen; ſie wollte liberal ſein, den Proteſtanten ſo viel zugeben, als immer möglich ſchien, und iſt dadurch in Vielem bis zur Grenze, in Einigem wohl gar über die Grenze hinausge⸗ gangen. Es war dies eine, aus der traurigen Lage der katholi⸗ ſchen Wiſſenſchaft in damaliger Zeit ſehr erklärbare und eben darin ihre Entſchuldigung findende Richtung; aber es war ſicher lich nicht die rechte Richtung. Jeder Katholik, und alſo auch der katholiſche Gelehrte, muß ſeiner von Gott geſtifteten und vom heiligen Geiſte regierten Kirche ganz und gar angehören; er muß ſie annehmen, wie er ſie findet, mit allen ihren Inſtitu⸗ tionen und Einrichtungen, mit ihrer ganzen Tradition und Aus⸗ bildung ihres Lehrgebäudes, und es kömmt ihm nicht zu, erſt daran verbeſſern und zurechtſetzen, oder weglaſſen und auswählen zu wollen und ſolch ein Beſtreben regte ſich mehr oder min⸗ der in der damaligen Tübinger Schule. Wir befürchten nicht, daß die beiden genannten Männer, welche aus dieſer Schule hervorgegangen waren, dieſes Urtheil der Falſchheit zei⸗ hen werden; ſie, die die Nothwendigkeit eines Umſchwungs der katholiſchen Wiſſenſchaft ſo tief gefühlt und durch ihren Eifer und Geiſt ſo mächtig zu dieſem Umſchwung in neuerer Zeit beigetra⸗ gen haben, werden gern zugeſtehen, daß die damalige Richtung ihrer Schule, und alſo auch ihre eigene, noch nicht die ächt ka⸗ tholiſche, die katholiſche Wiſſenſchaft fördernde und der Kirche Gedeihen bringende war.

Den beiden Elementen der Gießener Facultät, dem Joſephinis⸗ mus und Hermeſianismus, war ſonach ein drittes heterogenes bei⸗ geſellt dieſe Tübinger Richtung. Staudenmaier, der das Fach der Dogmatik übernahm, hatte ſich bis dahin mehr mit den Syſtemen der neueren Philoſophen, als mit den Werken der gro⸗ ßen katholiſchen Dogmatiker bekannt gemacht; in ſeinen Vorle⸗ ſungen gab er mehr philoſophiſche Theorien über die Dogmen, als eine eigentliche Dogmatik, und da er ſich in der Terminologie Hegel's bewegte, auch wohl manche Ideen Hegel's, die jetzt ihm