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Zwölf Jahre einer theologischen Facultät
Entstehung
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die Kirche und Ehrfurcht gegen die kirchlichen Inſtitutionen zu er⸗ wecken. Seine Grundſätze ſind in den neun Bänden ſeinerGe⸗ ſchichte der chriſtlichen Religion und Kirche 182434 klar aus⸗ geſprochen; ſie haben ihm von Seiten der Proteſtanten das Lob der Freiſinnigkeit, des unparteiiſchen Urtheils u. ſ. w. erworben, von kirchlicher Seite nur allzu begründete Mißbilligung zugezogen. Daß deſſen ungeachtet von Seiten des biſchöflichen Stuhles in Mainz nichts dagegen geſchah, mag darin ſeine Erklärung fin⸗ den, daß dem Biſchof von Mainz aller Einfluß auf die Facultät benommen iſt. Nur bei neuen Anſtellungen wird der Biſchof um ſein Urtheil befragt; die einmal augeſtellten Profeſſoren wer⸗ den aber durchaus als Staatsdiener betrachtet, und nur vom Staate hängt es ab, denſelben ihre Lehrthätigkeit zu belaſſen oder aber zu nehmen.

Müller's Wirkſamkeit in Gießen war überaus kurz; ſie umfaßte nur ein Semeſter; aber welche Richtung er verfolgte, erhellt aus ſeinem extremen Schritte, zu dem es in Breslau und Halle kam, bis endlich das Licht der Gnade ihm den Abgrund zeigte, dem er zugeeilt. Man weiß, wie er gebüßt und wie er jetzt in ſtiller Abgeſchiedenheit und Gebet die Irrthümer ſeiner Jugend wieder gut zu machen ſucht, und wenn wir hier von ſei nem Fehler reden, ſo geſchieht es nicht um den Mann zu tadeln, der durch ſeine jetzige Stellung die Achtung Aller verdient, ſon⸗ dern um die Anſtalt zu charakteriſiren, welcher Müller in ſei ner ſchlimmen Periode angehört hat.

Nach faſt anderthalbjähriger Unterbrechung, in welcher der Lehrſtuhl der Exegeſe unbeſetzt war, ward Dr. Kuhn nach Gießen berufen, wie Staudenmaier ein Zögling der Tübinger Schule. Die katholiſch⸗theologiſche Facultät zu Tübingen hatte, wie bekannt, in den erſten Jahren ihres Beſtehens eine ganz eigenthümliche Stellung zur katholiſchen Kirche und zu der bis daher geltenden katholiſchen Wiſſenſchaft eingenommen. Dem katholiſchen Dogma getreu, ſoweit daſſelbe ausdrücklich formulirt iſt, gefiel ſie ſich darin, in allem übrigen ihren eigenen Weg zu gehen und in den Punkten, die nicht ihre Ausprägung als förm⸗