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Das Antoniterkreuz / von Richard Wünsch in Königsberg
Entstehung
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des Kreuzes ſind aus Gründen der Haltbarkeit kürzer und dicker geworden, und ſo ſieht dieſes ägyptiſche Kreuz genau ſo aus, wie die Ohrgehänge von Korſabad. Aber man verſteht auch leicht, daß je länger je mehr an Stelle des unbequemen Tragens in der Hand oder am Arm das bequemere Tragen am Ohr aufkam. Hierbei konnte ſich dann die elliptiſche Form des Griffes allmählich runden Abb. 3 zeigt noch die urſprüngliche Ellipſe, die ſich erſt ſpäter in den Ring verwandelte.

Die Bedeutung dieſes ägyptiſchen Zeichens iſt Leben' ¹). Sokrates (Hist. eccl. V 17) und Sozomenos(Hist. eccl. VII 15) ²), die im vierten und fünften Jahrhundert leben, haben es im Auge, wenn ſie erzählen, daß bei der Zerſtörung des Sarapeions von Alexandreia Hieroglyphen zu Tage gekommen ſeien, dem Kreuze der Chriſten ähnlich, die man kommendes Leben' interpretiert habe. Leben' als urſprüngliche Bedeutung dieſer Hieroglyphe läßt ſich auch aus einer vielfach an⸗ gefochtenen Stelle eines Lateiners erſchließen. Iſidor ſagt von den Soldatenliſten: das Zeichen T bei einem Namen ſage, daß der Träger lebe ³). Da liegt wohl das ägyptiſche Zeichen für Leben' zugrunde, das ſeine Geſtalt bereits durch die Einbuße des Rings geändert hat. Auch ſonſt gibt es Spuren, daß das ägyptiſche Kreuz Eingang in das Chriſtentum gefunden hat. R. Forrer in Straßburg i. E. beſitzt Gewänder des vierten Jahrhunderts, der Zeit des Sokrates, aus Achmim in Ägypten, die das Henkelkreuz mit nur leiſer Veränderung zeigen: der Ring iſt im Verhältnis größer gehalten als das Kreuz und umſchließt eine Inſchrift oder das Monogramm Chriſti). Daß die Crux ansata älter iſt als jenes Ohrgehänge, geht außer aus den chronologiſchen Daten ſchon daraus hervor, daß dies Zeichen ſich nur aus dem AÄgyptiſchen ge⸗ nügend erklären läßt. W. Wreszinski gab mir darüber folgende

¹) S. J. F. Champollion le Jeune, Dictionnaire égyptien en écriture hiéroglyphique, Paris 1891, S. 329; Erman, Gloſſar 22.

²) S. Letronne, De la croix ansée égyptienne par les Chrétiens d'Egypte pour figurer le signe de la croix, Ann. dell' Inst. 1863 S. 133 ff. Mehr bei Jo. Bapt. Caſalius, De profanis et sacris veteribus ritibus, Frank⸗ furt und Hannover 1681 S. 29. Ich vermeide es in dieſer Skizze auf die Symbolik des chriſtlichen Kreuzes einzugehen. UÜber deſſen Darſtellung in Tauform ſ. Zöckler a. a. O. 426 ff.

³) Orig. I 24, 1: T(Tau) nota in capite versiculi posita superstitem designabat, 6(Theta) vero ad uniuscuiusque defuncti nomen apponebatur. G iſt der Anfang von griech. Thanatos, Tod. Daß die Militärbehörden ihr Zeichen aus Ezechiel abſtrahiert haben, wäre möglich, iſt mir aber wenig wahrſcheinlich. ) R. Forrer, Reallex. der prähiſt. Altertümer. S. 147 Abb. 143, 144.