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Das Antoniterkreuz / von Richard Wünsch in Königsberg
Entstehung
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Auskunft: Das Zeichen iſt die Darſtellung des Sandalenriemens. Die runde Schleife wird um die Ferſe gelegt, die kurzen wagrechten Streifen greifen über die Mittelfußknochen, der lange ſenkrechte um⸗ ſchließt die große Zehe. Das ägyptiſche Wort für Sandalenriemen war urſprünglich onech(ſo oder ähnlich vokaliſiert). Den gleichen konſonantiſchen Lautbeſtand hatte aber auch das Wort für Teben', und ſo wird jenes Zeichen auch zur Darſtellung dies zweiten Be⸗ griffs übernommen. Der erſte geriet darüber ſchon früh in Ver⸗ geſſenheit'.

Nach primitiver Anſchauung iſt Bild oder Name des Dinges und das Ding ſelbſt identiſch¹). Wir dürfen heute noch nicht den Teufel an die Wand malen, weil das Bild der Teufel ſelbſt iſt. Das Henkelkreuz in der Hand von Götterbildern verleiht dieſen Leben; Menſchen, die das Leben' an ſich tragen, werden am Leben erhalten: ſie ſind gegen Würgengel gefeit. Darum tragen Aſſyrer und Phönizier es als Amulet, darum iſt es wahrſcheinlich dies Zeichen, das Ezechiel als Phylakterion den Gerechten auf die Stirne ſchreiben läßt; was in Ägypten und Aſſyrien beliebt war, konnte in Paläſtina kaum unbekannt bleiben. In AÄgypten nahmen Iſraeliten dies Amulet ohne Bedenken an; das zeigt die Publikation von Ed. Sachau, Aramäiſche Papyrus und Oſtraka, Leipzig 1911 Tafel 28: die jüdiſche Militärkolonie zu Elephantine ſiegelt im 5. Jahrhundert mit dem Onechzeichen; dies Siegel ſoll Übel und Zerſtörung von den Urkunden abwehren.

Für Würgengel, gegen die jenes Zeichen beſonders wirkſam iſt, haben primitive Völker auch die Krankheiten gehalten, für Dä⸗ monen, die umgehen, und den Menſchen befallen. Die Peſt dachte man ſich als Peſtjungfrau, als männlichen Dämon, als Engel mit dem Schwerte(M. Höfler, Deutſches Krankheitsnamenbuch S. 460): darum wurde gegen ſie das Tauzeichen beſonders gern verwendet. So bereits im 6. Jahrhundert in Gallien, ſei es in Nachahmung des lateiniſchen Ezechiel und unter dem Einfluß ſeiner Erklärer, ſei es ²) in Anlehnung an den älteren orientaliſchen Volksbrauch, der ſich an das ägyptiſche Lebenszeichen angehängt hatte. Denn es iſt nicht ausgeſchloſſen, daß dieſer auch nach Gallien gedrungen iſt und ſich dort behauptet hat: ſyriſche Kaufleute ſaßen genug in Marſeille und verbreiteten ihren Glauben und Aberglauben rhoneaufwärts,

¹) S. z. B. A. Dieterich, Eine Mithrasliturgie S. 110 ff.; Kleine

SchriftenS. 314 f. ²) Über dies Dilemma ſ. oben S. 57.