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Das Antoniterkreuz / von Richard Wünsch in Königsberg
Entstehung
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Die Bilder zeigen eine frappante Ähnlichkeit mit dem Anto⸗ niterkreuz. Nur fehlt dieſem der Ring. Das erklärt ſich entweder daraus, daß man im Anſchluß an die Exegeten des Ezechiel auf die ringloſe Form des griechiſchen Buchſtabens zurückgriff, iſt aber auch, wenn man an einen Zuſammenhang mit dem Ohrſchmuck denkt, begreiflich, da dieſer ja nicht mehr im Ohr getragen wird. Man hat dem Ring nur eine praktiſche Bedeutung zugeſchrieben und ihn nicht mehr für einen weſentlichen Beſtandteil des Segensbildes ge⸗ halten. Aber urſprünglich muß er, wenn dieſe Zuſammenſtellung mit Ezechiel richtig iſt, ein Teil des Zeichens geweſen ſein. Denn das hebräiſche Taw iſt vierarmig, dem vierten Arm entſpricht die urſprüngliche Schleife.

Bei der frühen und weiten Verbreitung des orientaliſchen Amulets iſt es ausgeſchloſſen, daß man es in Nachahmung der der Ezechielſtelle geſchaffen habe. Vielmehr war es damals ſchon bekannt, und zwar auch in Paläſtina. Goblet dAlviella(in dem Artikel Cross der Encyclopaedia of Religion and Ethics) be⸗ behauptet es, ohne Nachweiſe im einzelnen zu geben. Aber man darf als Beleg vielleicht hierherziehen, Genesis 35, 4: Da gaben ſie ihm(die Angehörigen dem Jakob) alle fremden Götter, die unter ihren Händen waren, und ihre Ohrſpangen, und er vergrub ſie unter einer Eiche, die neben Sichem ſtand'. Das ſind alſo Ohrringe, die aus der Fremde kamen, und denen man göttliche Kräfte zu ſchrieb(vgl. Gunkel bei Marti I 344). Wenn das richtig iſt, er⸗ ſcheint es allerdings nicht unwahrſcheinlich, daß Ezechiel bei ſeinem taw an derartigen, und zwar tauförmigen Ohrſchmuck gedacht hat.

Es fragt ſich aber weiter, ob jener Schmuck die älteſte Form des Tauzeichens iſt, oder ob man eine noch ältere Geſtalt erſchließen darf. In der Tat läßt ſich ein ſolcher Schluß ziehen. Wenn er gleichfalls nicht ſicher iſt, ſo iſt er doch wahrſcheinlich¹). Man hat ſchon lange mit jenen orientaliſchen Gehängen das ägyptiſche Henkel⸗ kreuz verglichen(Perrot⸗Chipiez Band III S. 822 f. zu Fig. 582; zuletzt Goblet d'Alviella in dem angeführten Artikel). Dieſe Crux

¹) Die Beziehung, die hier hergeſtellt wird, iſt deshalb unſicher, weil nicht alle dieſe Zeichen notwendig denſelben Urſprung haben müſſen. Es kann auf jene Ringkreuze auch etwa das Bild eines Menſchen mit ausgebreiteten Armen, oder eines Vogels mit ausgebreiteten Flügeln eingewirkt haben. Die Symbole der afrikaniſchen Saturnſtelen(Roſcher, Lex. der griech. und röm. Mythologie IV Sp. 443) ſehen aus wie ein anthropomorphiſiertes Henkelkreuz, und ſind doch aus einer Sonnenſcheibe entſtanden, die in einer Schale auf einem Steinkegel ruht(G. Wiſſowa bei Roſcher a. a. O.).