Druckschrift 
Das Antoniterkreuz / von Richard Wünsch in Königsberg
Entstehung
Einzelbild herunterladen

352

des griechiſchen Buchſtabens gleichſetzen. Denn man darf nicht über⸗ ſehen, daß hebr. taw nicht ein kreuzförmiges Zeichen bedeuten muß, ſondern Zeichen ſchlechthin bedeuten kann; die Septuaginta überſetzen es mit anuetov. Es bleibt alſo die Möglichkeit, daß Ezechiel irgend ein anderes, uns verſchollenes Zeichen gemeint hat). Wenn das der Fall iſt, ſo ſtammt der Glaube an die apotropäiſche Kraft des Tau im letzten Grund aus einem Mißverſtändnis der Exegeten

her, die, durch eine Wortgleichheit getäuſcht, das hebräiſche Wort

dem griechiſchen Buchſtaben gleich geſetzt und dadurch dieſem wunder⸗ bare Kraft verliehen haben.

Aber doch darf die Unterſuchung hier nicht Halt machen. Denn es iſt ja keineswegs ausgeſchloſſen, daß jene Gleichſetzung dennoch ihre Berechtigung hat, daß Ezechiel bei jenem Wort tatſächlich an ein dem Buchſtaben Tau ähnliches Kreuz dachte. Dieſe Möglichkeit wird zur Wahrſcheinlichkeit, wenn ſich zeigen läßt, daß es zu ſeiner Zeit in Paläſtina taugeſtaltige Kreuze gab, denen man apotropäiſche Kraft zuſchrieb. In der Tat exiſtiert eine Form des hebräiſchen Buchſtabens, die ein vierarmiges ſtehendes Kreuz mit kurzem Ober⸗ arm darſtellt²). Und zu dieſer kennen wir ein monumentales Ana⸗ logon, mit dem ſich bereits damals Vorſtellungen von magiſcher Macht verknüpft zu haben ſcheinen. Ezechiel ſchreibt zu Anfang des 6. Jahrhunderts ³). Zu jener Zeit aber waren im Orient als Schmuck verbreitet Ohrgehänge, Ringe mit einem daran hängenden drei⸗ armigen Kreuz, meiſt aus Gold gefertigt. Dieſe Gehänge werden apotropäiſche Bedeutung gehabt haben. Denn Schmuck iſt überhaupt vielfach Amulet geweſen ¹), und daß Gold nach dem Volksglauben böſe Geiſter abwehrt, iſt bekannt(M. Siebourg, Ein gnoſtiſches

Goldamulet aus Gellep, Bonner Jahrb. 103, 1908 S. 130).

¹) Vermutungen darüber findet man in den modernen Kommentaren (Rud.Krätzſchmar in Nowacks Handkommentar III 3, 1 S. 101 und A. Bertholet in K. Martis Handkommentar IV z. St.); ſ. auch F. J. Dölger, Sphragis, eine altchriſtliche Taufbezeichnung in ihren Beziehungen zur profanen und und religiöſen Kultur des Altertums, Paderborn 1911 S. 55 f.

²) S. M. Lidzbarski, Handbuch der nordſemitiſchen Epigraphik II Tafel XLVI, Schrifttafel III.

²) Haller, in: Die Religion in Geſchichte und Gegenwart II 199.

) S. z. B. meinen Artikel Charms and amulets, roman in Haſtings Encyclopaedia of Religion and Ethics III 462; O. Jahn, Über den Aber⸗ glauben des böſen Blicks bei den Alten, Ber. Sächſ. Geſ. der Wiſſ. phil. hiſt. Cl. 1855 S. 51 ff., der ein ſolches apotropäiſches Schmuckſtück Tafel V 2 ab⸗ bildet. Daß die Koralle, die heute vielfach als Schmuck getragen wird, ur⸗ ſprünglich ein Amulet war, lehren die orphiſchen Lithika V. 510 ff.