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Das Antoniterkreuz / von Richard Wünsch in Königsberg
Entstehung
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dämon der Peſt zu kämpfen hatten. Will man über dieſe Annahme urteilen, ſo muß man alle Fälle bei Seite laſſen, in denen das Tau iſoliert erſcheint: ſie ſagen nichts über ſeine Herkunft aus. Wichtig aber ſind die Verbindungen, die das Zeichen eingegangen iſt. Unter dieſen erſcheint wohl einmal ein Bild des Antonius Eremita, aber er iſt nur einer unter vielen Heiligen; wäre ſein Dienſt der Ausgangspunkt, ſo würde man nur ihn zu finden er⸗ warten. Wo nun gar die Kraft des Tau durch einen beigeſchriebenen Text erläutert wird, knüpft dieſer nicht an die Tracht der Antoniter, ſondern an Stellen des Alten Teſtamentes an¹). Daraus muß man ſchließen, daß jener Glaube an die geheime Macht des dreiarmigen Kreuzes nicht bei der Gründung der Antoniusbruderſchaft entſtanden iſt. Vielmehr iſt es eine ältere, auch ſpäter noch verbreitete volks⸗ tümliche Anſchauung, die erſt von den Gründern jener Genoſſenſchaft, in Anlehnung an die Empfehlung des Kreuzzeichens durch Antonius (ſ. S. 25), für immer mit dieſem Heiligen und ſeinen Dienern kombiniert wurde. Dieſer Schluß wird beſtätigt durch eine Stelle, die beweiſt, daß die Verwendung des Tau gegen die Peſt älter iſt als das 11. Jahrhundert. Gregorius von Tours*) in der Historia Francorum erzählt Buch IV Kap. 5, daß in den vierziger Jahren des 6. Jahrhunderts in der Provence die Beulenpeſt wütete. Da⸗ mals war Biſchof der Auvergne der H. Gallus. Als dieſer bei Tag und Nacht zu Gott flehte, daß es ihm nicht beſchieden ſein möge, auch ſein Volk ſterben zu ſehn, erſchien ihm im Traum des Nachts der Engel des Herrn, deſſen Haar und Gewand weiß waren wie Schnee, und ſprach zu ihm: Du tuſt wohl, daß Du ſo zu Gott für Dein Volk flehſt. Denn Dein Gebet iſt erhört'... Damals ſah man auch plötzlich, wie die Wände der Häuſer und Kirchen mit dem Kreuzeszeichen verſehen wurden, woher von den Bauern die Schrift Tau genannt wurde').

Der Gegend dieſes Vorganges, der Auvergne, iſt die Stätte,

1) S. M. Andree⸗Eysn S. 66 ff.

¹) Zitiert, aber nicht abſchließend behandelt, von M. Andree⸗Eysn S. 64.

³) Tunc etiam in subita contemplatione parietes vel domorum vel ecclesiarum signari videbantur, unde a rusticis hic scriptos Tau vocabatur. (Mon. germ. hist., script. rer. merov. T. 1 S. 145). Hier iſt signari in der prägnanten Bedeutung das Kreuzeszeichen machen gebraucht, und als bekannt vorausgeſetzt, daß der griechiſche Buchſtabe Kreuzesgeſtalt beſitzt. Die Geiſt⸗ lichen ſahen in jenem Zeichen das Kreuz, die rustici, d. h. Laien, nannten es das Tau.