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Die Gründung und Geschichte der Universität Gießen : zu ihrer dritten Jahrhundertfeier / von Prof. Dr. Ch. Bartholomae
(Gießen)
Entstehung
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enden Kriegsjahre hatten für Gießen ſchwere Drangſale im

folge. Wieder mußten die Univerſitätsbauten für Laza⸗ rette und Militärmagazine frei gemacht werden, die abwech⸗ ſelnd von Preußen, Oeſterreichern und Franzoſen befehligt wurden. Die Univerſitätsbibliothek und die wiſſenſchaftlichen Sammlungen wurden nur mühſam vor übergroßen Verluſten durch die verſtändigen Maßnahmen Bernadottes be⸗ wahrt, der darum im Dezember 1798 ehrenhalber zum Dr. phil. ernannt wurde. Das Jahr 1800 brachte der Univerſi⸗ tät ein wertvolles Vermächtnis: Renatus v. Sencken⸗ berg hinterließ ihr teſtamentariſch ſeine koſtbare Bibliothek, ſein Wohnhaus und ein größeres Barvermögen. Eine Feier des zweihundertjährigen Beſtands wurde wegen der ſchweren Kriegsläufte nicht abgehalten.

Als wieder ruhige Zeiten eingetreten waren, begann die Hochſchule allmählich mehr und mehr in die Breite zu wachſen. Die Zuſchüſſe für die Sammlungen werden reichlicher be⸗ willigt, neue Inſtitute werden aufgetan, ſo 1822 die Ent⸗ bindungsanſtalt, 1824 die Forſtlehranſtalt. Ein blutiger Skandal zwiſchen Studentenſchaft und Militär im Jahre 1821 veranlaßte die Regierung, die Gießener Gar⸗ niſon nach Worms zu verlegen; die frei werdende Kaſerne am Seltersberg wurde zur Aufnahme der Kliniken, der Biblio⸗ theken und des von Liebig eingerichteten chemiſchen Labo⸗ ratoriums beſtimmt. 1830 erhielt die Univerſität wieder eine neule Fakultät, die katholiſch⸗theologiſche; ſie be⸗ ſtand bis 1851, wo ſie notwendigerweiſe einging, weil der Biſchof Ketteler von Mainz das Studium ſeiner Epiſko⸗ patsangehörigen in Gießen nicht mehr geſtattete. Im Jahre 1838 fiel das alte, ſeit 1608 als Kollegienhaus dienende Ge⸗ bäude, um einem Neubau Platz zu machen, der 1839 fertig wurde. Er wurde ſpäter, 1880, als das neue Kollegienhaus an der Ludwigſtraße errichtet worden war, zur Unterbringung der Bibliothek verwendet; jetzt, nachdem 1904 auch die Biblio⸗ thek ein neues eigenes Heim erhalten hat, dient er als botani⸗ ſches Inſtitut. Im Jahre 1852 wurden die neue Anatomie und das zoologiſche Inſtitut beim Bahnhof eröffnet, 1888 das neue chemiſche Laboratorium in der Ludwigſtraße, dann in den neunziger Jahren die mediziniſche und die Frauenklinik,

ſowie die pſychiatriſche Klinik, ferner das patholdhiſche⸗ hygie⸗

aiſche und pharmakologiſche Inſtitut, weiter im letzten Jahr⸗ zehnt das phyſikaliſche Inſtitut, das phyſikaliſch⸗chemiſche Laboratorium und eine Reihe von Anſtalten für die Veteri⸗ närmedizin, die ſeit einigen Jahren eine beſondere Abreilung der mediziniſchen Fakultät bildet. Eine neue chirurgiſche und eine neue Augenllinik werden noch im Lauf des Jahres be⸗ zogen werden. Die Zahl der Studenten iſt in langſamem, aber ſtetigem Wachstum begriffen. Während um 1875 die Frequenz etwa 350, 20 Jahre ſpäter etwa 650 betrug, zählt man jetzt rund 1200 immatrilulierte Studenten. Der vielorts ſtark bemerk⸗