bare Unterſchied in der Beſuchsziffer von Winter und Som⸗ mer iſt in Gießen ſehr geringfügig. Die Zahl der etatsmäßig angeſtellten Profeſſoren der Univerſität beträgt gegenwärtig 57, darunter 49 ordentliche, und zwar 25 in der philoſophi⸗ Bea der mediziniſchen, je 5 in der juriſtiſchen und theologiſchen Fakultät. Der geſamte Lehrkörper zählt etwa 90 Köpfe. Glanzzeit der Gießener Univerſität iſt mit dem Na⸗
. fer v. Liebig verknüpft, der im jugendlichen Alter von 2 ahren auf Alexander v. Humboldts Empfeh⸗ lung zum außerordentlichen, 2— Jahre ſpäter(1826) zum or⸗ dentlichen Profeſſor der Chemie in Gießen ernannt wurde. Faſt drei is Jahre, bis zum Jahre 1852, wo er nach München überſiedelte, hat er in Gießen gewirkt, das durch ihn zum Mittelpunkt des chemiſchen Studiums der geſamten wiſſen⸗ ſchaftlichen Welt gemacht wurde. Das chemiſche Laborato⸗ rium, das er im weſtlichen Nebenbau der alten für Univerſi⸗ tätszwecke umgebauten Kaſerne am Seltersberg(jetzt tielih⸗ ſtraße) eingerichtet und im Jahr 1829 eröffnet hat, diente als Muſter für alle gleichartigen Inſtitute, und es iſt ſicher be⸗ dauerlich, daß der mehrfach beſprochene Plan, das Gebäude zu einem Liebigmuſeum umzugeſtalten, nicht zur Ausführung elangt iſt und gelangen kann, anſcheinend insbeſondere des⸗ halb, weil man mit den von Liebig benutzten Gerätſchaften ſpüäter gar zu wenig pietätvoll umgegangen iſt. Liebig war auch der erſte, der Verſuchsfelder anlegte— die Höhe im Nordoſten der Stadt, auf der es geſchah, führt heute den Namen Liebigshöhe—, mittelſt deren er ſeine Theorien über die Ernährung der Pflanzen praktiſch zu erweiſen verſuchte und erwieſen hat. Aus allen Weltteilen ſtrömten die Studie⸗ renden der Chemie nach Gießen, das damals einen ganz außerordentlich hohen Prozentſatz von Au sländern unter ſeinen Studenten hatte. Eine große Anzahl der hervorragend⸗ ten Chemiker der Neuzeit hat in Gießen Anregung und För⸗ derung empfangen. Im Jahr 1890 wurde Liebig ein Denk⸗ mal von Schaper in den Oſtanlagen errichtet; die hundert⸗ jährige Wiederkehr ſeines Geburtstages iſt 1903 von Univer⸗ ſität, Stadt und Staat feierlich begangen worden.
Der Ausbau der Gießener Univerſität iſt auch heute noch keineswegs vollendet. Das iſt ſelbſtverſtändlich. Eine Uni⸗ verſität kann eben gar nie fertig, muß immer im Werden, immer in der Um⸗ und Neugeſtaltung begriffen ſein. Jedes erreichte Ziel ſtellt lediglich eine Stufe zu einem idealen Bie dar, zu dem man niemals gelangen wird und kann, weil es a 4
jedem wiſſenſchaftlichen Erfolg wieder weiter hinaus⸗
hiebt. Wir wünſchen der dreihundertjährigen Alma Mater Ludoviciana, daß ſie in dei gemeinſamen Ringen der deutſchen Hochſchulen nach jenem Ziel immer ihren ehren⸗ vollen Platz behaupte.
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