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Die Gründung und Geschichte der Universität Gießen : zu ihrer dritten Jahrhundertfeier / von Prof. Dr. Ch. Bartholomae
(Gießen)
Entstehung
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kaiſerliche Privilegium und übergab es dann ſamt den ſonſti⸗ gen Inſignien dem erſten Rektor der Gießener Univerſität Antonii. Am folgenden Tag wurde zum erſten Mal von dem kaiſerlichen Privileg Gebrauch gemacht, indem 28 Kan⸗ didaten der Magiſtertitel verliehen ward.

Im Herbſt 1608 konnte das neuerrichtete Univerſitätsge⸗ bäude bezogen werden. Es war das ein dringendes Bedürf⸗ nis; denn die Zahl der Studenten belief ſich auf mindeſtens 300, darunter viele aus Norddeutſchland, Schweden und den Oſtſeeprovinzen, auch ungewöhnlich viel Adelige, eine für damalige Zeiten recht anſehnliche Ziffer, und auch die Zahl der Dozenten hatte ſich erheblich vermehrt; ſie betrug jetzt 18, von denen 3 in der theologiſchen, 4 in der juriſti⸗ ſchen, 2 in der mediziniſchen und 9 in der rheroſophtſchen Fakultät lehrten. Der Platz des neuen Univerſitätsgebäudes, das bis zum Jahr 1838 ſtand, war in unmittelbarer Nähe der beiden Schlöſſer und des Zeughauſes. Auf dem Gelände an der Südſeite des Baues wurde im Jahr 1609 mit der

Einrichtung eines botaniſchen Gartens durch den Profeſſor

der Botanik Jungermann begonnen; er erxiſtiert noch heute und gehört ſomit zu den älteſten Anlagen dieſer Art in Deutſchland.

Die Blüte, deren ſich Gießens Univerſität gleich zu Beginn ihres Daſeins erfreute, dauerte nicht gar lange Zeit. Eintrag taten ihr einmal die ewigen Händel, die die Profeſſoren unter ſich hatten, Händel über Fragen, die uns heutzutage abſurd erſcheinen, damals aber mit wildeſter Parteileidenſchaft be⸗ handelt wurden, ſodann aber wiederholt ausbrechende Seuchen: ſo in den Jahren 1606, 1611 und insbeſondere 1613, wo der ge⸗ ſamte Lehrbetrieb ins Wanken geriet. Die Studentenzahl war mehr und mehr zurückgegangen. Man hatte ſchon be⸗ ſchloſſen, die Unwerſität nach Grünberg zu verlegen, und der Beſchluß würde vielleicht auch zur Ausführung gelangt ſein, wäre nicht in Grünberg ſelbſt plötzlich die Peſt ausge⸗ brochen. Der ſeinerzeit von Ludwig von Darmſtadt erhodene Erb⸗ ſchaftsanſpruch hatte den Erfolg, daß durch ein reichshofrät⸗ liches Urteil im Jahr 1623 Marburg und das zugehörige Gebiet der Kaſſeler Linie aberkannt und der Darmſtädter zugeſprochen wurde. Inzwiſchen aber waren bereits die Wirren des dreißig⸗ jährigen Kriegs über Deutſchland hereingebrochen, und das Heſſenland hatte nicht zum wenigſten darunter zu leiden. Um zwei heſſendarmſtädtiſche Univerſitäten, die nur wenige Weg⸗