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ninsäure ¹). Gegen die Mitte des Jahrhunderts hin hatte die Pikrin- säure Anwendung in der Färberei gefunden: in der That begegnen wir hier zum ersten Male der organischen Chemie im Dienste der tincto- rialen Industrieen. Es handelte sich darum, ein billiges Material für die Darstellung der Pikrinsäure zu finden. Zu dem Ende wurde eine ganze Reihe von Substanzen, unter anderen Aloë, flüssiger Storax, Drachenblut, Ammoniakharz, Stinkasant, Sagapen, Opoponax, Copai va- balsam und verschiedene ätherische Oele mit Salpetersäure behandelt. Es ergab sich, dass keine der genannten Substanzen zur Darstel- lung von Pikrinsäure geeignet ist, dass aber aus mehreren derselben (nämlich aus allen denjenigen, von welchen wir heute wissen, dass sie beim Schmelzen mit Kali Resorcin liefern) eine schön krystallisirende, der Pikrinsäure ähnliche Säure entsteht. Als besonders geeignetes Material zur Gewinnung dieser Säure wurde der Stinkasant erkannt. Bei näherer Prüfung zeigte es sich, dass diese Substanz identisch ist mit dem schon 1808 von Chevreul durch Kochen von Blauholzextract mit Salpetersäure erhaltenen künstlichen Bitter; die Verfasser haben in der That aus Fernambukholzextract eine Ausbeute von nicht weniger als 18 pCt. dieser Säure erhalten. Der Geschmack derselben ist wohl adstringirend, aber durchaus nicht bitter; sie erhielt daher den Namen Styphninsäure von Gτννσσο, adstringirend. Will und Böttger zeigten, dass die im Uebrigen der Pikrin- säure sehr nahestehende Säure sich von derselben durch einen Mehr- gehalt von 1 Atom Sauerstoff unterscheidet und dass sie im Gegensatz zu jener eine zweibasische Säure darstellt, welche zwei Reihen gelb- gefärbter Salze liefert, von welchen nicht weniger als 17 verschiedene genau untersucht sind. Mit der Pikrinsäure gemein hat sie noch das starke Färbevermögen und die explosiven Eigenschaften der Salze, die zum Theil sogar noch leichter und heftiger als die entsprechenden Pikrate detoniren.
In einer Nachschrift zu ihrer Abhandlung vermuthen Will und Böttger, dass die Styphninsäure mit der gleichzeitig von Erdmann aus Euxanthinsäure erhaltenen Oxypikrinsäure identisch sei, eine Vermuthung, welche Erdmann später bestätigt hat. Heute ist die Styphninsäure als Trinitroresorcin anerkannt, and die von den Ver- fassern damals aufgestellten Ansichten über die chemische Natur der Säure und über ihre Beziehungen zur Pikrinsäure haben sich in vollem Umfange bewahrheitet.
Will hat auch einige Versuche über zwei Säuren, die Krokon- säure ²) und die Rhodizonsäure angestellt, welche durch neuere Forschungen besonders interessant geworden sind. Bei wiederholter Darstellung von Kalium im Giessener Laboratorium während der
) Lieb. Ann. LVIII, 269. 2) Lieb. Ann. CXVIII, 177.


