schwerer Krankheit genesen, sich völlig erholen sollte. Der Auf- enthalt in Giessen war daher so kurz bemessen, dass ich nicht daran denken konnte, meinen Freund aufzusuchen. Allein auf dem Wege nach dem Bahnhof sah ich plötzlich seine hohe Gestalt in einiger Ent- fernung vor mir herschreiten. Ich beschleunigte meine Schritte und legte die Hand auf seine Schulter. Es waren uns nur wenige Augen- blicke zur Begrüssung vergönnt, sie wurden jedoch ausgiebig verwerthet. Will erzählte mir im Fluge, dass er in den letzten Tagen erfrischt von einem köstlichen Ausfluge zurückgekehrt sei. Zunächst hatte er, wie so oft schon, einige Zeit bei seinem Freunde Zöppritz in Mergel- stetten zugebracht; alsdann war die ganze Familie in Heiligenberg unfern des Bodensees versammelt, wo gleichzeitig die vierzigste Wiederkehr seines Hochzeitstages und das Geburtsfest seiner Gattin jubelnd ge- feiert ward, um schliesslich noch einige herrliche Tage in Obstalden hoch über dem Wallensee zu verleben.»Leider«, fügte er hinzu,»sollte unsere Reise nicht so glücklich enden, wie sie angefangen hatte. Auf dem Rückwege ist einer meiner Enkel nicht unbedenklich erkrankt und musste mit seiner Mutter bei dem Grossvater in Mergelstetten zurück- bleiben. Allein er ist jetzt völlig wieder hergestellt, und ich bis heute jeder Sorge ledig«. Diese Worte fanden einen beglückenden Wiederhall in meiner Seele, welche wochenlang von ähnlichen Be- sorgnissen erfüllt gewesen war. Wir schieden in heiterster Stimmung.
Die Reise mit der eben Genesenen war eine langsame und mehr- fach unterbrochene. Endlich jedoch lagen die Alpen hinter uns, und nun war den Wanderern noch eine köstliche Herbstzeit vergönnt. Von dem gastlichen Hause altbewährter Freunde aus und unter ihrer kundigen Führung durchstreiften wir fröhlich die herrlichen Thäler der Brianza. Jeder Tag brachte einen Zuwachs erneuter Kraft, und nach kurzer Frist waren die letzten Andeutungen des Krankgewesenseins ver- schwunden. Aber seltsamer Gegensatz in den Schicksalen der Men- schen! Während das Leben dem Einen den Becher der Freude bietet, klopft dem Andern der Tod an die Pforte! Noch ehe wir den Heim- weg angetreten hatten, traf uns die Trauerkunde aus Giessen.
Erst nach unserer Rückkehr erfuhr ich, wie plötzlich der Tod an meinen Freund herangetreten war. Will pflegte bei gauter Jahres- zeit fast allabendlich den Garten des Victoria-Hôtels zu besuchen, um ein Stündchen mit alten Freunden zu verplaudern. Der rüstige Acht- undsiebenzigjährige dachte nicht daran, sich auf diesem Wege be- gleiten zu lassen, und es war ganz ungewöhnlich, dass sich am 15. October die Gattin bei diesem Gange an seiner Seite befand. In heiterem Gespräch waren Beide bis zum Eingange des Gartens gelangt; dort plötzlich brach der Greis zusammen; kaum war es der erschrockenen Gattin möglich, ihn in ihren Armen aufzufangen. In diesem Augenblick kam ein Freund des Hauses, Dr. F. Mahla, vorüber. Er trug mit Hülfe einiger


