Abend vor dem Enthüllungstage zu spät in Giessen angelangt, um meinen Freund noch begrüssen zu können und sah ihn daher erst am nächsten Morgen wieder, als er vor dem Gasthofe, in dem ich wohnte, vorfuhr, um mich nach dem Denkmalplatze abzuholen.»Du darfst«, sagte er,»angesichts der Anstrengungen, welche Dir der Tag bringen wird, den weiten Weg nicht zu Fusse gehen«. Ich fand meinen Freund etwas ernster und stiller geworden, und er mochte wohl, als er mich sah, dieselbe Bemerkung machen; hatten wir uns doch auch seit Jahresfrist nicht gesehen, und ein Jahr gegen das Ende des Lebens hin fällt schwer in's Gewicht, gerade wie beim Beginn desselben. Allein das Wiedersehen und der erneute Verkehr alter Freunde übt eine ver- jüngende Kraft, welche sich auch in unserem Falle nicht verleugnete; überdies lenkte die Aufgabe des Tages unsere Gedanken längst ver- schollenen Zeiten zu. Die blumengeschmückten, laubbekränzten, wimpel- wehenden Strassen, durch welche wir fuhren, verfehlten gleichfalls ihren Eindruck nicht; und als wir auf dem Festplatze anlangten und in die frohbewegte Versammlung eintraten, fühlten wir uns um ein halbes Jahrhundert zurückversetzt; es war, als ob das Leben nochmals im Frühlingsglanze der Jugend vor uns läge. Auch war das Bild, das sich hier entrollte, wohl geeignet, diese Illusion einen Augenblick zu erhalten; begegneten wir doch heute so Manchem, dem wir seit unseren jungen Jahren nahegestanden hatten: Waren da nicht Kopp, Fresenius und Carriere, welche uns sofort die Freundeshand boten, und entdeckten wir nicht in dem Gewühl auch noch Andere, welche uns befreundet waren, theilweise allerdings jüngeren Generationen angehörend, wie Frankland, Erlenmeyer, Poleck, Lauben- heimer, und zählten nicht auch Ricker und Hess, die heute mit der Rose der Festordner im Knopfloche erschienen, zu unseren Jugend- freunden? Musste endlich doch auch die Huldigung selbst, die wir dem Andenken unseres grossen Lehrers brachten, die Zeit, in welcher wir ihm zu Füssen sassen, lebhaft in unserem Geiste wachrufen! Wohl war mit dem verklingenden Festjubel auch der Traum der wiedergewonnenen Jugend rasch zerronnen, schon hatte die graue Wirklichkeit wieder ihr Recht geltendgemacht. Allein, Wer erfreute sich nicht noch an einem hellen Sonnenblick, ehe die Schatten der Nacht sich senken? Wir hatten alle Ursache, für die frohgehobene Stimmung, in welche uns die Enthüllungsfeier versetzt hatte, dankbar zu sein.
Für den Verfasser dieser Skizze hatten sich im verflossenen Sommer mancherlei Aufgaben zusammengedrängt; er musste sich daher schon bald von seinem alten Freunde trennen. Wir schieden wie so oft schon mit den Worten:»Auf Wiedersehen über’s Jahr«.
ds sollte indessen anders kommen. Schon nach Verlauf von wenigen Wochen führte mich mein Weg von Neuem nach der Vater- stadt. Es war auf der Reise nach dem Süden, wo meine Frau, von
i.


