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täuschungen, welche ihr der sommerliche Freiheitstraum gebracht hatte. Auch in den Laboratorien der Universität Giessen wurde schon im Wintersemester 1848/49 wieder in der alten Weise gearbeitet.
Allein es war nicht nur die akademische Jugend, welche die Er- folglosigkeit der Einheitsbestrebungen tief empfand; Jedem, der sich für die Bewegung des Vorjahres freudig erwärmt hatte, ist das Jahr 1849 mit seiner alle Verhältnisse berührenden reactionären Strömung un- liebsam in der Erinnerung geblieben. Will hat indessen unter dem Druck jener Tage vielleicht weniger gelitten als mancher Andere; sein Geist war zur Zeit von Gedanken erfüllt, welche jede politische Be- klemmung in den Hintergrund drängten. Er hatte sich gerade damals mit einer liebenswürdigen jungen Dame, Fräulein Caroline Balser, der Tochter des hochangesehenen Klinikers der Universität, verlobt; schon am 26. August wurde der Bund geschlossen, welchen beide Gatten in vierzigjähriger Ehe nicht aufgehört haben als die schönste Errungenschaft ihres Lebens zu betrachten.
Hatte das Jahr 1849 unserem Freunde den Segen einer beglücken- den Häuslichkeit gebracht, so sollte ihm nach kurzer Frist auch eine der Bedeutung seiner wissenschaftlichen Arbeiten mehr entsprechende äussere Stellung zu Theil werden. An Liebig war im Laufe der Jahre eine Reihe von Berufungen nach grösseren Universitäten ergangen, er hatte aber stets vorgezogen, der kleinen Hochschule, welche die Wiege seines Ruhmes gewesen war, treu zu bleiben; glaubte er doch auch, dass die Lebensbedingungen einer grossen Stadt seiner wissenschaftlichen Thätigkeit Abbruch thun würden. Gegen Mitte des Jahrhunderts hin war noch einmal eine grosse Versuchung an ihn herangetreten, ein Ruf nach dem Eldorado deutscher Professoren, nach dem schönen Heidelberg, unter Bedingungen, welche eine Ablehnung auszuschliessen schienen. Liebig schwankte längere Zeit; aber einige Zugeständnisse, die man nicht ihm, sondern auf seinen Wunsch seinen Freunden gewährte, bewogen ihn auch diesmal, zu bleiben, und schon hoffte man ihn mit unauflöslichen Banden an Giessen gefesselt. Diese Hoffnung erwies sich aber doch als eine trügerische. Es war die Zeit, in welcher der junge König Maximilian II. von Bayern seine Haupt- stadt zu einem Mittelpunkte der deutschen Wissenschaft zu machen strebte. In dem Kreise von Koryphäen, die er in München um sich zu versammeln gedachte, durfte Liebig nicht fehlen. Die Anstren- gungen, die es kostete, ihn zur Uebersiedelung zu vermögen, waren nicht geringe, aber sie waren schliesslich erfolgreich. Liebig schied im Herbst 1852 aus der Stellung, in welcher er während dreier Jahr- zehende die Universität Giessen zum Sammelplatze der jungen chemi- schen Forscher gemacht hatte.
Die hessische Regierung scheint bis zum letzten Augenblick ge- glaubt zu haben, dass sich die Verhandlungen mit München noch zer-


