Ich darf wohl sagen, dass die Gesellschaft während meines kaum zwei Jahre dauernden Professorates in Giessen aus nicht ge- ringen Kräften zusammengesetzt war. Wenn ich hier, ausser Wil! und mir, Einige, wie sie mir gerade einfallen, nenne, so geschieht dies nur, um den Kreis der Freunde zu bezeichnen, welcher in be- ständigem Verkehr und regem Austausch der Gedanken und Gefühle stand. Ich nenne also: Bardeleben, der noch heute in Berlin als Chirurg wirkt; Gustav Baur, der als Professor der Theologie in Leipzig leider vor kurzer Zeit starb; Moritz Carriere, den München heute noch zu den Seinigen zählt; Ernst Die ffenbach, dessen Reisen zuerst Neu-Seeland uns erschlossen haben; Knapp,I der bekannte Chemiker in Braunschweig; Kopp, eine Zierde der Heidelberger Universität; Neuner, vor längerer Zeit schon als Professor des römi- schen Rechts in Kiel verstorben; Winther, bekannter Augenarzt in Giessen; Zamminer, dessen Laufbahn als Physiker leider zu früh durch den Tod unterbrochen wurde. Viele sind dahingegangen; die Ueberlebenden sind jetzt bemooste Häupter; aber ich kann dreist be- haupten, dass die Bande der Freundschaft, die damals in Giessen ge- schlungen wurden, sich trotz der Verschiedenheit der Lebenswege der Einzelnen nicht gelockert haben.
Wie man schon aus dieser lückenhaften Aufzählung sieht, waren alle Hauptwissenschaften in der Gesellschaft vertreten, wenngleich die Naturwissenschaften vorwiegend zur Geltung kamen. Es konnte aber nicht fehlen, dass sich innerhalb der grösseren Gesellschaft ein klei- nerer, nicht durch Statuten sondern wesentlich durch andere Lebens- verhältnisse gebundener Kreis bildete. Der»engere Sonderbunde be- stand aus den Unverheiratheten, die in der Nähe des Liebig'schen Laboratoriums wohnten, in einem Gasthause der Stadt einen gemein- schaftlichen Tisch hatten und somit auch zu Spaziergängen und grösseren Excursionen sich vereinigten. Hier war nun Will in seinem Elemente. Er sprach wenig, gerieth aber in Eifer, wenn die Unter- haltung sich um Gegenstände drehte, an welchen er ein besonderes Interesse hatte. Zuweilen zeigte er dann einen gewissen komischen Ingrimm oder eine zum Lachen reizende innere Empörung über irgend einen Verstoss gegen den gesunden Menschenverstand. Ueber einen Chemiker, der bei Operationen mit Säure einen Zinntopf benutzt hatte, oder einen Landrichter, welcher die Eingeweide eines im Schnaps- rausche gestorbenen Säufers,»wegen der Hitze in Weingeist conser- virt«, mit der Bitte gesandt hatte,»gefälligst untersuchen zu wollen, ob der Betreffende wirklich Schnaps im Uebermaasse zu sich ge- nommen habe«, konnte Will seufzen, als ob der Weltuntergang nahe sei. Aber in Allem machte sich stets eine grosse Herzensgüte geltend, die dann auch bei den Genossen sympathischen Wiederhall fand.
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