Druckschrift 
Heinrich Will : ein Gedenkblatt / [A.W.v. Hofmann]
Seite
13
Einzelbild herunterladen

r

Antheil nahm, und wo ich mit diesem chemischen Häuflein zusammen in der»blauen Glocke« wohnte, mich mit Leopold von Buch über Gletscher und erratische Blöcke zanken musste und zur Abwechselung an den mit nach Luft schnappenden Karpfen gefüllten Bottichen, die im Hofe des Wirthshauses standen, lehrreiche Gespräche über ge- backene Karpfen und Münchener Bier führte, wofür Liebig sehr schwärmte. Ich weiss nur soviel, dass wir uns schon kannten, als ich im Frühjahre 1847 nach Giessen als neugebackener Professor kam, und dass Will damals, in einem für den Giessener Universitätszopf denkwürdigen Streite über meinen Bart, lebhaft meine Partei ergriffen und mit überzeugter Energie geäussert hatte:»» Das Carlchen geht auf das Katheder im Bart, und wenn auch Kanzler, Rector und Dekan sich desshalb auf den Kopf stellen und mit den Beinen ver- wundern sollten!««

So geschah es auch, nur mit dem Unterschiede, dass die würdigen Herren die gymnastische Stellung nicht einnahmen, welche Will ihnen ohne Berücksichtigung ihrer Leibesbeschaffenheit zugewiesen hatte, sondern sich damit begnügten, die Stirnen etwas kraus zu falten.

Wir schlossen uns bald eng aneinander. Es gährte damals schon in allen Gesellschaftskreisen, und namentlich an der Universität hatte sich ein scharfer Gegensatz zwischen der Mehrzahl der älteren Pro- fessoren und den jüngeren, aufstrebenden Kräften herausgebildet, welchen das Liebig'sche Laboratorium als Mittelpunkt diente, wenn auch Liebig selbst keinen directen Antheil an den kleinen Kämpfen nahm, die sich hie und da entspannen. Man arbeitete mit angestrengtem Fleisse, mit voller Hingebung, folgte aber in den Erholungsstunden aufmerksam dem Laufe der Ereignisse, ganz besonders der Entwickelung der po- litischen Begebenheiten in der Schweiz, die in der Niederwerfung des Sonderbundes zwar eine vorläufige Entscheidung, aber noch keine vollständige Lösung gefunden hatten.

So kam es denn, dass die jüngeren Professoren und Docenten eine Gesellschaft bildeten, welche den Namen»Der Sonderbund« er- hielt, vielleicht gerade deshalb, weil die politischen Ansichten der Mitglieder in directem Gegensatze zu denen des schweizerischen Sonderbundes standen. Man versammelte sich allwöchentlich, hielt Vorträge, debattirte wissenschaftliche Fragen und erging sich dann in Gesprächen über alle möglichen und unmöglichen Dinge, in welchen die Geister zuweilen hart aufeinander platzten, wenn auch stets in freundschaftlicher Weise. Es waren auch Statuten ausgearbeitet worden; aber für den zweiten Theil der Sitzungen galt, wenn auch unausgesprochen, das Statut einer Gesellschaft, der ich später in Genf angehörte, und welches in dem einzigen Satze bestand: Keiner darf die Meinung eines Anderen haben.