Aus den nun folgenden Jahren habe ich aus dem Leben meines Freundes Weniges mitzutheilen. Wir trafen uns zwar jedes Jahr; beim Beginn der grossen Ferien zog es mich begreiflich stets mit Macht nach der lieben Heimathsstadt, wo ich glücklich war, im Hause meiner Mutter einzukehren und mit Liebig, Buff und vielen Anderen, die mir theuer waren, wieder zusammenzutreffen. Allein es waren doch meist nur flüchtige Begegnungen; denn schon bald nach meiner An- kunft in der Lahnstadt rüsteten auch die Giessener Freunde zur fröh- lichen Herbstfahrt in's Gebirge, so dass mir in der Regel schliesslich geichfals nichts Anderes übrig blieb, als den Wanderstab zu ergreifen. Ich hatte aber doch hinreichend Gelegenheit, einen Einblick in Will's von Jahr zu Jahr sich erweiternden Wirkungskreis zu gewinnen. Erst seit 1844 als Privatdocent an der Universität habilitirt, war er schon im darauf folgenden Jahre zum Extraordi- narius ernannt worden. Seine Vorlesungen waren eifrig besucht, der Anmeldungen zu dem Filiallaboratorium mehr, als es Plätze gab. Zu dieser umfangreichen, mit der grössten Gewissenhaftigkeit geübten Lehrthätigkeit kamen literarische Arbeiten mannichfaltiger Art. Aus dieser Zeit stammt seine»Anleitung zur chemischen Analysec«, auch hatte er sich an dem von Liebig und Kopp begründeten »Jahresberichte über die Fortschritte der Chemie« gleich von Anfang an auf das Eifrigste und Erfolgreichste betheiligt. Trotz dieser vielseitigen Inanspruchnahme seiner Kraft war er gleichwohl noch im Stande gewesen, eine Reihe selbstständiger Experimental- untersuchungen, zumal die Analyse verschiedener Mineralwasser, aus- zuführen.
Aus dem Gesagten erhellt unschwer, dass unser persönlicher Verkehr damals doch nicht ohne Unterbrechungen geblieben war. Im Hinblick auf diese Lücken ist es mir eine besondere Freude gewesen, dass mein berühmter Jugendfreund Carl Vogt in Genf auf meine Bitte einige höchst interessante Erinnerungen gerade aus der genannten Periode mittheilen konnte. Er sendet sie, wie er sich ausdrückt, zur beliebigen Benutzung, aber es versteht sich von selbst, dass ich seinen Brief unverkürzt einschalte; giebt er doch neben dem schönen Zeug- nisse von dem edlen Charakter unseres Freundes gleichzeitig ergötz- lichen Einblick in die damaligen Zeitverhältnisse, während sich in dem Briefe überdies die bekannte humoristische Feder des Schrei- benden in glücklicher Weise auf’s Neue bethätigt!
»Wann und wo ich Will zum ersten Male begegnete, wüsste ich nicht mit voller Bestimmtheit zu sagen. Ich glaube kaum, dass er in den Jahren 1833— 35, in denen ich in dem Liebig'schen Laboratorium arbeitete, dort schon eingetreten war. Vielleicht war es bei Gelegen- heit der Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte in Erlangen im Jahre 1840, an der Liebig mit einigen seiner Schüler
N 1


