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Heinrich Will : ein Gedenkblatt / [A.W.v. Hofmann]
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An die Spitze eines nahezu selbständigen Instituts gestellt, musste unser Freund daran denken, mit der Universität, welcher er schon seit langer Zeit wichtige Dienste geleistet hatte, nunmehr auch in engere Verbindung zu treten. Er habilitirte sich daher im Sommer 1844 als Privatdocent. Von den Habilitationsleistungen wurde Ab- stand genommen, da sich, wie es in der Ministerialverfügung vom 23. August heisst, Will's Lehrbefähigung bereits hinreichend bewährt habe. Nur die Disputation konnte ihm nicht erlassen werden. Sie fand am 9. November statt; in den vertheidigten Thesen spiegeln sich die Anschauungen und die Ausdrucksweise der Zeit. So zeigt z. B. die These:»Es existirt keine organische Verbindung, die in ihrem Aequivalent eine ungerade Anzahl von Kohlenstoffatomen enthält«, dass die Reformbestrebungen Gerhardt's und Laurent's in der Giessener Schule damals noch nicht zur Anerkennung gelangt waren.

Mit der Habilitation war der Grund für die akademische Lauf- bahn gelegt; im Uebrigen brachte sie in Will's Beziehungen zu den übrigen naturwissenschaftlichen Docenten, welche sich unter Liebig's Auspicien in Giessen zusammengefunden hatten, keine wesentliche Ver- änderung hervor. Titel fielen in diesem erlesenen Kreise nicht in's Gewicht. Ordentliche und ausserordentliche Professoren, Privat- docenten und solche, die es noch erst werden wollten, verkehrten in der ungezwungensten Weise. Das Maass, mit welchem gemessen wurde, war die wissenschaftliche Leistung und die Liebe zur Wissen- schaft. Wirkten aber doch auch damals in Giessen nebeneinander und miteinander eine Reihe von Gelehrten, wie sie an einer so kleinen Universität sich nicht leicht wieder vereinigen dürften! Da war vor Allen der Physiker Heinrich Buff, Liebig's Intimus, fast gleich- alterig mit ihm, dessen edle Persönlichkeit unvergessen ist, bei den Studirenden zumal der Klarheit seiner Vorträge wegen allgemein beliebt. Liebig kaum minder nahestehend waren Friedrich Knapp und Hermann Kopp, beide zu den Jüngsten zählend. Ersterer, der später so berühmt gewordene Technologe, heute in Braunschweig auf wohlverdienten Lorbeern ruhend, der Andere, noch heute ein Koryphäe der Universität Heidelberg, und schon damals die beiden Schwester- wissenschaften so völlig gleich beherrschend, dass wir unschlüssig waren, ob wir ihn zu den Chemikern oder zu den Physikern rechnen sollten. Zu den jüngsten Privatdocenten gehörten Remigius Fre- senius, der Analytiker, und Hermann Hoffmann, der Botaniker, beide gleichfalls noch unermüdlich im Dienste der Wissenschaft thätig. Zwei höchst ausgezeichnete junge Gelehrte waren im Begriffe, sich zu habilitiren, der Physiker Friedrich Zamminer, welcher unerhörtes Ereigniss! am Tage seines Doctorexamens zum Realschuldirector in Michelstadt ernannt worden war, und der Geologe Ernst Dieffenbach, eben von seiner Forschungsexpedition nach Neuseeland zurückgekehrt und noch

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