gung, sondern um der nicht eben glänzend gestellten Familie seines verstorbenen Freundes zu Hülfe zu kommen; und waren schon in der unorganischen Hälfte grössere Veränderungen nöthig gewesen, als er erwartet hatte, so zeigte sich, dass die organische Hälfte geradezu um- geschrieben werden musste. Gleichzeitig war er mit den Vorbereitungen zu dem in Gemeinschaft mit Poggendorff und Wöhler herauszu- gebenden» Handwörterbuch der reinen und angewandten Chemie«, sowie für die Agriculturchemie und Thierchemie beschäftigt; die Veröffentlichung der chemischen Briefe in der»Allgemeinen Zeitung« hatte bereits begonnen.
So aufreibender Anstrengung war Liebig's Kraft, ausgiebig, wie sie sich erwiesen hatte, auf die Dauer nicht gewachsen. Er muͤsste sich nach einer weiter reichenden Mitwirkung und Vertretung umsehen, als sie ihm bisher zur Verfügung gestanden hatte. Unter Denen, welche ihm solche gewähren konnten, stand Will in erster Linie. Ueber das umfangreiche Wissen, zumal über die ungewöhnliche Lehrbefähi- gung des jungen Mannes, über seine Forscherlust und Forschergabe— er hatte damals schon eine Reihe schöner Experimentalarbeiten ver- öffentlicht— konnte keiner weniger im Zweifel sein als Liebig. Er zögerte daher auch nicht, die Thätigkeit desselben in eine neue Bahn zu lenken. Will, der im Anfange des Jahres 1839 die Doctorwürde bei der Facultät in Giessen erworben hatte, wurde mehr und mehr an dem Unterrichte, insbesondere auf dem Gebiete der organischen Chemie betheiligt, ohne jedoch aus der Stellung, welche er bislang eingenommen hatte, völlig auszuscheiden. Gleichzeitig war in Remigius Fre-— senius ein junger, ebenso talentvoller wie thatkräftiger Mitarbeiter für den Unterricht in der Mineralanalyse gewonnen, der sich überdies noch bereit finden liess, auch die Vorbereitungen für die Vorlesungen zu übernehmen.
Aber auch die neue Organisation hatte nicht Bestand. Schon nach kurzer Frist reichten die durch den Neubau vermehrten Arbeits- plätze gleichfalls nicht mehr aus, und Liebig entschloss sich endlich, durch Begründung eines Filiallaboratoriums, welches in dem Nebenbau eines ihm gehörenden Hauses auf dem Seltersberg eingerichtet wurde, dauernd Abhülfe zu schaffen. Mit der Leitung dieses accessorischen Instituts konnte natürlich kein anderer als Will betraut werden. Die Gründung des Filiallaboratoriums ist dem Verfasser dieser Skizze in lebhafter Erinnerung geblieben, brachte sie ihn doch zuerst in nähere Beziehung mit dem unvergesslichen Manne, welcher ihn zum Nach- folger Will's in seiner Stellung als Privatassistent sowohl als auch in den Redactionsgeschäften der»Annalen« ernannte; letztere hatte der neubestallte Director des Filiallaboratoriums, welcher sich den in dieser Eigenschaft an ihn herantretenden Aufgaben ungetheilt widmen wollte, nicht beibehalten zu können geglaubt.


