fiel die indirecte Hülfe, die er ihnen leistete, um so schwerer in's Gewicht. Die Praktikanten wussten wohl, wo sie jederzeit vortreffliche Auskunft erhielten; oft genug sah man an der Thüre des Privatlaboratoriums, welche auf den das alte mit dem neuen Institut verbindenden langen Corridor führte, einen Wissbegierigen, unschlüssig, ob er eintreten solle. Drinnen liessen sich keine Stimmen vernehmen, und ein Blick durch den Spalt der sachte geöffneten Thür überzeugte ihn, dass der Ge- suchte allein war. Er konnte daher getrost eintreten und sein An- liegen vorbringen. Der Gefragte arbeitete ruhig weiter, war aber stets mit der grössten Liebenswürdigkeit bereit, dem Rath Erbittenden Red' und Antwort zu stehen. In den späteren Stunden zumal, wenn man wusste, dass Liebig seinen Nachmittagsspaziergang machte, war das Privatlaboratorium stets belagert. Es waren natürlich meist die schon mit Untersuchungen Beschäftigten, denen er die Schwierigkeiten, auf welche sie gestossen waren, aus dem Wege räumte. Gelegentlich wagten sich indess auch einige dreiste Anfänger heran, und ich kenne Einen, welcher die dort empfangene Belehrung sein Leben lang in dankbarer Erinnerung behalten hat. Ja, selbst wenn er zu Tische ging, war unser Freund vor Rath- und Auskunft-Suchenden nicht sicher. Da wartete gewiss schon der Eine oder der Andere, der sich ihm anschloss. Auf dem weiten Wege nach dem»Rappen« konnte man ihn ja nach Herzenslust ausfragen.
InWill's Stellung am Giessener Laboratorium bereitete sich indessen schon eine wesentliche Umgestaltung vor. Es war die Zeit, in wel- cher sich der Zudrang zu der Liebig'schen Schule gewaltig gesteigert hatte. Die Räume des alten Laboratoriums waren schon lange über- füllt; eine allerdings nicht erhebliche Erweiterung des ursprünglichen Locals hatte bereits im Jahre 1835 stattgefunden. Im Sommer 1839 endlich wurde der Bau eines neuen Querflügels, den Raum zwischen dem alten Institut und der Universitätsklinik einnehmend, von der Regierung genehmigt und von meinem Vater, der damals Universitäts- baumeister war, in der fast beispiellos kurzen Zeit vom Juni bis zum November vollendet. Ich erinnere mich mit lebhaftem Interesse der langen Conferenzen, welche Liebig mit seinem Architekten hatte. Nicht selten sassen die beiden Herren bis tief in die Nacht hinein über den Plänen. Neben einem wesentlich vergrösserten Auditorium wurde durch den Neubau ein grosser luftiger Arbeitssaal gewonnen, der sich, kaum fertiggestellt, sofort mit Praktikanten füllte. Mit der vermehrten Schülerzahl war jedoch auch die Arbeitsbürde Liebig's in fast beängstigender Weise gewachsen. Dazu kam, dass sich seine literarische Thätigkeit gerade in jener Periode weit über den Um- fang hinaus erweitert hatte, welchen er gewünscht haben mochte. Er hatte es unternommen, den chemischen Theil von Geiger's» Hand- buch der Pharmacie« neu herauszugeben, nicht etwa aus eigener Nei-


