Doch auch hier war seines Bleibens nicht. Liebig, dessen Stern bereits in hellem Glanze leuchtete, war mit Lorenz Geiger innig befreundet gewesen. Beide hatten gemeinschaftlich mit Rudolf Brandes, dem sich später noch Johann Bartholomäus Tromms- dorff anschloss, seit 1832 angefangen, eine wissenschaftliche Zeit- schrift, die»Annalen der Pharmacie«, herauszugeben, welcher eine grosse Zukunft vorbehalten war. Es ist dies dieselbe Zeitschrift, welche noch heute unter dem Namen» Liebig's Annalen« fortbesteht und von der jüngst der 261. Band veröffentlicht worden ist. Bei der Redaction der»Annalen«, welche in Heidelberg gedruckt wurden, hatte Geiger in Will's umfassenden Kenntnissen auf allen Gebieten der Pharmacie eine höchst erwünschte Stütze gefunden, und der junge Mann war begreiflich auch Liebig bekannt geworden. Da mit dem Tode Geiger's der Schwerpunkt der Redaction nach Giessen verlegt war, so musste dem nunmehrigen Herausgeber eine Kraft, wie er sie in Will kennen gelernt hatte, ganz unentbehrlich erscheinen; auch zögerte er keinen Augenblick, dem jungen Heidelberger Chemiker den Vorschlag zu machen, nach Giessen überzusiedeln. Das Giessener Laboratorium übte damals eine Anziehung, der so leicht keiner widerstand; und unser junger Freund musste sich nach reiflicher Ueberlegung gestehen, dass er, obwohl seine Stellung in Heidelberg eine allseitig befriedigende war, das ehrenvolle Anerbieten Liebig's nicht ausschlagen dürfe. Mit Schmerzen sah Leopold Gmelin seinen Assistenten, der ihm bereits wichtige Dienste geleistet, und den er persönlich liebgewonnen hatte, aus Heidelberg scheiden. So kam Will nach Giessen, welches für mehr als ein halbes Jahrhundert sein Wohnsitz werden sollte.
Meine ältesten Erinnerungen an Heinrich Will gehen bis zum Ende der 30er Jahre zurück, um welche Zeit ich als junger Practikant in Liebig's Laboratorium eintrat. Dort führte damals Friedrich Schödler— später als Verfasser des vielaufgelegten»Buches der Natur« in weiten Kreisen bekannt geworden— die Anfänger, welche im»Alten Laboratorium« arbeiteten, in das Studium der chemischen Analyse ein. Mit den Vorgeschrittenen, welche ihren Platz in dem eben fertig gewordenen»Neuen Laboratorium« hatten, beschäftigte sich Liebig selbst. Will war damals am Unterricht nicht officiell be- theiligt. Seine Hauptaufgabe war noch immer die nunmehr fast selbst- ständig von ihm besorgte Redaction der»Annalen«, welche Veranlassung seiner Uebersiedelung nach Giessen gewesen war; gleichzeitig unter- stützte er jedoch Liebig bei seinen wissenschaftlichen Untersuchungen und arbeitete daher in dem unmittelbar vor dem Studirzimmer ge- legenen Privatlaboratorium des Meisters. Aber wenn Will mit den Schülern des Laboratoriums auch nicht in directer Beziehung stand, so
1*


