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Die Vernichtung der katholisch-theologischen Fakultät in Gießen : ein dunkles Blatt in der neueren hessischen Geschichte : Vortrag im evangel. Männerverein / H. Steinwachs
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hat man ihn jemals durch Zugeſtändniſſe und Nachgeben befriedigt? Das Gegenteil ſteht auf jedem Blatte der Ge ſchichte, aber beachtet wird es nicht. Nun redet man viel von einer Wandlung des Zentrum, und ſelbſt ein Mann von der geiſtigen Bedeutung des Herrn v. Bennigſen hat erſt vor wenigen Tagen im Reichstage dieſe Wandlung hervor⸗ gehoben. Iſt es denn wirklich nötig, auszuſprechen, daß das Zentrum und ſeine Ziele ſich nicht wandeln, daß nur die Mittel, deren es ſich bedient, mit diplomatiſchem Geſchick von ihm gewechſelt werden; temporum ratione habita. Vor zwanzig Jahren war das Zentrum Widerſtaudspartei bis aufs Meſſer; denn damals galt es, das katholiſche Volk unter der Vorſpiegelung, der Kampf gelte ſeiner Religion, um die Kriegsfahne des Ultramomtanismus zu ſcharen; heute und ſchon länger iſt das gleiche Zentrum regierungs⸗ freundlich und national, denn heute gilt es, die im Kampf und Sieg geſchaffene mächtige Stellung nach allen Richtungen hin einflußreich zu verwerten. Das iſt aber natürlich nur möglich unternationaler Flagge.... Wir weiſen auf den genialſten deutſchen Staatsmann hin, dem wir Deutſchlands Einheit und damit Deutſchlands Größe verdanken. Am 28. No⸗ vember 1885 ſprach Fürſt Bismarck die inhaltſchweren Worte: Ich habe das gelernt, daß mit den Grundſätzen der Politik des Zentrums weder das Deutſche Reich, noch der preußiſche Staat auf die Dauer exiſtieren können. Ich habe gelernt, daß ein Bund mit den Herren nicht zu flechten iſt, ohne die Exi⸗ ſtenzbedingungen der preußiſchen Monarchie auf⸗ zugeben. Wenn ein Bismark dies als die Summe ſeiner langjährigen Erfahrung zieht, dann ſollten unſere heutigen Politiker, große wie kleine, ſich wenigſtens hüten, dem Gegen⸗ teil das Wort zu reden. Oberflächliche Beobachter werden das Verhalten des Zentrums in der Septennatsfrage ent⸗ gegenhalten. Damals ſprach Rom, und das Zentrum ge⸗ horchte nicht. Und doch iſt gerade dieſer Vorgang ein Beweis dafür, daß das Zentrum ein Werkzeug des ultramontanen Papſttums iſt. In heißer Erregung, als die Befolgung der römiſchen Richtſchnur ihm ſeine eigene Machtſtellung im Lande und Parlament zu koſten ſchien, hat es ſich allerdings den römiſchen Befehlen für einen Augenblick entzogen, um aber ſofort unter Zeichen lebhafteſten Bedauerns unter den Hirten⸗ ſtab zurückzukehren. Der Zentrumsführer Frhr. von Franken⸗ ſtein wurde nach Rom beſchieden, um dem Papſte und ſeinem Kardinal⸗Staatsſekretär die verlangten Aufklärungen zu geben. Wo iſt es jemals erhört, daß eine politiſche Partei einem fremden Souverän und ſeinem erſten politiſchen Miniſter ſich ſtellt ad audiendum verbum und der fremden Macht Rechenſchaft ablegt über die Abſtimmung in einer innerpolitiſchen, vater⸗ ländiſchen Frage? Hier tritt der ultramontane, undeutſche Charakter der Zentrumspartei(von ihren einzelnen Gliedern iſt nicht die Rede) in ſchneidender Schärfe hervor. Wir ſind nicht gegen das Zentrum immer und überall, und wir ſind noch weniger gegen ſo manche nützliche Anregung, die auf geſetzgeberiſchem Gebiete aus ſeinem Schoße von einzelnen ſeiner Glieder ausgegangen iſt. Aber wir ſind gegen ſeine Grundſätze als Partei, und wir machen Front gegen den verderblichen ſich allmählich feſtſetzenden Wahn, das Zentrum ſei national, oder könne es jemals werden.

Böhmen. Die altkatholiſche Gemeinde Warnsdorf hielt am 17. April ihre diesjährige Hauptverſammlung ab. Aus dem gedruckten Bericht iſt das Hauptſächliche bereits mitgeteilt. An die Hauptverſammlung ſchloß ſich ein zahl⸗ reich beſuchter Familienabend, bei welchem Muſikſtücke, ſowie verſchiedene Lieder und Deklamationen zum Votrag kamen. Dazwiſchen hielt Herr Bistumsverweſer Czech einen längeren Vortrag über die Erfolge und Ausſichten der katholiſchen Reformbewegung. Die Verhältniſſe und Zuſtände der Gegen⸗ wart ſeien allerdings wenig ermutigend. Das gerade Gegen⸗ teil von dem, was Altkatholiken erſehnten und erſehnen, ſei jetzt ſiegreich zum Durchbruch gelangt. Der Papismus ſteht auf dem Gipfel ſeiner weltlichen Macht, und die Veräußer⸗

Herausgeber und Redakteur: A. Gatzenmeier. Kgl. Hof⸗ u. Unwverſitäts⸗Buchdruckerei von Dr. C. Wolf& Sohn in München.

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lichung des kirchlichen und religtöſen Lebens und die Super⸗ ſtition haben ihren Höhepunkt erreicht. Und doch hoffen wir, ſagte Redner, weil uns keine Macht dieſer Welt zu dem Glauben zu bekehren vermag, daß die verweltlichte jeſuitiſche Richtung Siegerin bleiben werde in der Kirche; wir hoffen, weil wir in innerſter Seele die Ueberzeugung hegen, daß die flüchtige Abkehr von den lichtvollen Wahrheiten des lauteren Chriſtentums die hohe und erlöſende Bedeutung desſelben den Völkern nur noch eindringlicher wieder vor Augen führen muß. Hoffentlich werde ſich kein Altkatholik von den Lockungen der im Augenblicke ſiegreichen Reaktion verführen laſſen, ſondern jede Zumutung zu ſchwächlichen Kompromiſſen mit den Trä⸗ gern der Reaktion im öffentlichen und Privatleben mit Ent⸗ ſchiedenheit zurückweiſen. Redner ſpielte auf den Mißbrauch der nationalen Strömung ſeitens der Ultramontanen an. Wer in der Kirche die Mutterſprache verleugne, ſelbſt das kirchliche Volkslied romaniſiere, dem Volke ſeine Freiheit und ſeine Bildungsmittel verkümmern will, ſei in der That ein Feind des Volkes, mag er ſich hundertmal deutſch nennen. Freiheit und Bildung ſeien die Vorbedingungen für eine würdige nationale Exiſtenz eines Volkes. Redner ſchließt mit einem warmen Appell zu einmütigem und opferfreudigem Zuſammen⸗ ſtehen aller im Kampfe für die heilige Sache. Reicher Beifall lohnte den Redner.

Wien. Nach dem gedruckten Jahresbericht für 1897 wurden in der altkatholiſchen Gemeinde dortſelbſt an kirchlichen Handlungen vollzogen: 37 Taufen, 23 Begräbniſſe, 16 Trau⸗ ungen. Beigetreten ſind der Gemeinde im verfloſſenen Jahre 58, ausgetreten 7 Perſonen. Die Mehrung im ganzen ſind 65 Seelen. Am gemeinſchaftlichen Unterricht beteiligten ſich 191 Schüler und Schülerinnen der Volks⸗ und Bürgerſchulen; 8 Mittelſchüler und 1 Lehramtskandidatin genoſſen beſonderen Unterricht. Es gab 33 Erſtkommunikanten und 26 Firmlinge. Am 2. September hatte die XVIII. Synode ſtattgefunden.

Altkatholiſche Gemeinde Kattomwitz.

Sonntags, den 1. Mai ds. Js., findet in Kattowitz die Einweihung der neuerbauten(alt) katholiſchen Kirche durch den hoch⸗ würdigſten Herrn Biſchof Dr. Weber aus Bonn ſeatt.

Zu dieſer Feſtfeier beehren ſich die unterzeichneten Gemeindekörper⸗ ſchaften hiedurch aufs freundlichſte einzuladen unter gleichzeitiger Mit⸗ teilung folgenden Programms:

1. Sonnabends, den 30. April, abends 8 Uhr, im Saale des Herrn Max Wiener(Höôtel de Prusse): öffentlicher Feſt⸗ und Familienabend mit einem Vortrag des hochw. Herrn Biſchofs und muſikaliſchen Vorträgen.

Zu dieſer Vorfeier haben Angehörige aller Konfeſſionen mit ihren Familien freien Zutritt.

2. Sonntags, den 1. Mai, vormittags 10 Uhr: Einweihungsfeier mit daran ſich ſchließendem Hochamt; Feſtpredigt des Herrn Biſchofs und Anſprache des Herrn Pfarrers Kaminski aus Thiengen in Baden, des Gründers der Gemeinde.

3. Nachmittags 4 Uhr: Feſtmahl im Saale des Hôtel de Prusse. Preis des trockenen Gedecks 3 Mark.

Eine Liſte zum Einzeichnen liegt bis zum 30. April beim Herrn Max Wiener aus. Anmeldungen zu dem Feſtmahl nehmen auch die beiden unterzeichneten Vorſitzenden entgegen.

Der Kirchenvorſtand: Die Gemeindevertretung: Karl Müller, Max Gierth, Vorſitzender u. Pfarrer. Vorſitzender.

Zu vorſtehender Einladung ſei noch Folgendes bemerkt:

Beſondere ſchriftliche Einladungen an die Mitglieder der Kattowitzer Gemeinde, an die auswärtigen Glaubensgenoſſen, Gemeinden und Herren Geiſtlichen mit Ausnahme der benachbarten ſchleſiſchen ergehen nicht.

Die Herren Geiſtlichen, die an den Einweihungsfeierlichkeiten teil⸗ zunehmen beabſichtigen, werden gebeten, Soutane, Chorrock, Kragen, Stola und Birett mitzubringen, ſowie die Zeit ihrer bezw. der Herren Deputierten Ankunft in Kattowitz unter gleichzeitiger Angabe der Namen derſelben dem Pfarrer Müller rechtzeitig mitzuteilen.

Am 1. Mai iſt der Eintritt in die Kirche nur gegen Vorzeigung von Einlaßkarten geſtattet, die bei den unterzeichneten Vorſitzenden un⸗ entgeltlich zu haben ſind und von den auswärtigen Teilnehmern beim Familienabend oder vor dem Gottesdienſte in Empfang genommen werden können.

Diejenigen Herren Geiſtlichen und Abgeordneten, welche an dem Montags, den 2. Mai, in der Gleiwitzer Gemeinde ſtattfindenden biſchöflichen Gottesdienſte und dem daran ſich ſchließenden Feſtmahl und Familienabend ſich zu beteiligen gedenken, wollen dies dem Pfarrer Müller zu Kattowitz oder direkt an den Vorſitzenden des Gleiwitzer Kirchenvorſtandes, Herrn Profeſſor Hawlitſchka vorher mitteilen.