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ſchon an eine Rückſendung der Kiſten und Koffer mit ihrem werthvollen Inhalt. War doch Gießen am 11. Juni ganz unvermuthet von kaiſerlichen Truppen beſetzt worden, welche auch auf den umliegenden Ortſchaften untergebracht waren. Was konnten da die Franzoſen noch wollen? Freilich zogen ſchon nach wenigen Tagen die Kaiſerlichen wieder ab, um ſich mit dem Heere des Erzherzogs Karl zu vereinigen. Dann folgte am 15. Juni die Schlacht bei Wetzlar, in welcher die Franzoſen bis über den Rhein zurückgedrängt wurden. In Gießen blieben nur zwei Compagnieen Kaiſer⸗ licher, bis ſie Anfang Juli durch einen ſchwachen Zuzug anderer kaiſerlicher Truppen verſtärkt wurden, die auf der Flucht von der Sieg her über Krofdorf kamen, daſelbſt eine Nacht blieben(5./6. Inli). Die Reiterei blieb als Vor⸗ poſten bis zum 7. Juli daſelbſt. Da kamen die Franzoſen über Rodheim und die Kaiſerlichen zogen ſich auf Gießen zurück.
Dadurch ſtiegen aber die Sorgen und Befürchtungen wieder aufs Höchſte. Schon am 7. Juli hatten die Fran⸗ zoſen die Höhen der Hardt beſetzt, die Lahnbrücke war ver⸗ rammelt, eine Commiſſion aus den angeſehenſten Beamten der Stadt wurde gebildet, um für alle Fälle gerüſtet zu ſein, und um 2 Uhr früh am Morgen des 8. Juli verließ die kaiſerliche Beſatzung heimlich die Stadt und Feſtung Gießen. Schon nach wenigen Stunden waren die Fran⸗ zoſen am Neuſtädter Thor, die Deputation von Regierungs⸗ und Univerſitätsbeamten öffnete die Zugbrücke und das Thor erſt als General Mortier ſelbſt mit der Vorhut ankam. Sein Verſprechen, Perſonen und Eigenthum ſollten ſich voll⸗ kommener Sicherheit getröſten, hat er nach Kräften wahr gemacht. Gießen wurde nicht geplündert, aber es war doch gut, daß die Werthpapiere der Hochſchule fern in Alsfeld untergebracht und in Sicherheit waren. Dieſe hörte freilich jetzt ebenfalls auf.
Die Dörfer des offenen Landes, Krofdorf z. B., wur⸗ den von den Franzoſen in unerhörter Weiſe heimgeſucht.


