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Vor hundert Jahren : die Flucht des Gießener Universitäts-Archives vor den Franzosen 1796 / von Dr. O. Buchner
Entstehung
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Wir werden noch mehrmals auf die Abel'ſchen Auf⸗ zeichnungen zurückzukommen Gelegenheit haben, wenden uns zunächſt jedoch den Ergebniſſen zu, die das Studium des alten Actenmaterials ergiebt.

Bei allen dieſen alten Geſchichten darf nicht vergeſſen werden, wie langſam und unſicher ſich damals alle Nachrichten verbreiteten. Der Verkehr war gering und in der Kriegs⸗ zeit noch mehr beſchränkt, die Wege ſchlecht und unſicher und ſo iſt begreiflich, daß die Kunde von auswärtigen Ereigniſſen nur als Gerüchte ſich verbreiteten, die aber lawinenartig wuchſen und bis ins ungeheuerliche oft verzerrt wurden, je weiter ſie ſich verbreiteten.

Die Bewohner der Feſtung Gießen waren durch Wall und Graben geſchützt, ſie konnten den kriegeriſchen Ereigniſſen ruhiger entgegenſehen. Anders aber war es auf dem flachen Lande und in den Dörfern.

Am 5. Juni 1796 verbreitete ſich das Gerücht in Gießen, die Franzoſen ſeien im Anrücken auf die Gegend. Es war bekannt genug, weſſen man ſich von einem ſolchen Beſuch zu gewärtigen habe, und ſo war es nicht zu ver⸗ wundern, daß die Einwohner der Stadt, beſonders diejenigen, welche etwas verlieren konnten, vom größten Schrecken befallen wurden. Ganz beſonders ſchlimm waren die Beamten daran, welche öffentliche Kaſſen zu verwalten hatten.

Schon 1795 hatte der Hochſchule dieſelbe Gefahr ſeitens der Franzoſen gedroht, als dieſelben im September zum erſtenmal über den Unterrhein und die Lahn gingen. Zwar war im Frieden von Baſel(April 1795) durch eine De⸗ markationslinie das nördliche Deutſchland mit Gießen für neutral erklärt worden, während im ſüdlichen Deutſchland der Krieg fortdauerte, aber man war trotzdem keineswegs ſicher, ob die Franzoſen nicht doch dieſe Demarkationslinie überſchreiten und unſere Stadt trotz der preußiſchen Beſatzung bedrohen würden. Es wurde deßhalb im September 1795 in aller Eile vom Senat der Hochſchule auf Antrag des Univerſitäts⸗Secretär Oßwald beſchloſſen, es ſollten die