heimlich vorkam. Er war zerſtreut, trank nicht und ſprach nicht, während er doch ſonſt ſehr redſelig war und gern lange Pauken losließ. Bald gab er auch Müdigkeit vor und machte ſich unge⸗ wöhnlich früh auf den Heimweg. Unbemerkt folgte ihm die ganze Geſellſchaft im Dunkel des Abends. Als Befehlshaber der Bürgerwehr wußte Vogt, daß Kaufmann H... der Gatte der ſchönen Frau, der gutmüthigſte Menſch von der Welt, der die Eiferſucht nicht einmal dem Namen nach kannte, an dieſem Abend Wachedienſte am Seltersberg zu thun hatte, er wollte ihn alſo in voller Waffenrüſtung dem vor ihm gewarnten Moritz in den Weg führen. Richtig, ſchon an einer der nächſten Straßen⸗ kreuzungen tauchte eine dunkle Geſtalt auf in der Blouſe, den Heckerhut mit der Hahnenfeder auf dem Kopf, die Büchſe über der Schulter. Eben iſt er des ſich ihm nähernden Philoſophen anſichtig geworden und tritt auf ihn zu, da wendet ſich diefer
plötzlich ſeitlich und eilt im Sturmſchritt von dannen. Gleich
darauf hatte man den wackeren Bürgergardiſten, der ganz ſtutzig dem in der Dunkelheit Enteilenden nachblickte, erreicht:„Was fehlt denn dem Herrn Profeſſor?“ fragt er verwundert.„Ich biete ihm einen höflichen guten Abend, will mich nach ſeiner Geſundheit erkundigen und lange in die Taſche, um ihm eine Cigarre zu offeriren. Er aber nimmt ohne Antwort Reißaus. Was hat er?“—„O nichts, gar nichts,“ erwiderte man lachend, „er iſt ermüdet, vielleicht nicht ganz wohl. Die Cigarre kann aber doch geraucht werden. O, danke ſchön! Guten Abend, Bürger!“ Im„Hirſch“ hat man ſich über des Philoſophen Heldenthum noch oft luſtig gemacht.
Moritz Carriere war ein überaus liebenswürdiger Menſch
und ein höchſt achtungswerther Gelehrter. Er hatte in der Phi⸗ loſophie, Geſchichte und Literatur aller civiliſirten Nationen einen
reichen Schatz von Kenntniſſen angeſammelt. Seine Beleſen⸗
heit grenzte ans Wunderbare, und ſeinem nimmer fehlenden Ge⸗ dächtniß ſtanden die Weisheitsſprüche und Kraftſtellen aller Weiſen und Dichter des Alterthums und der Neuzeit jeden Augenblick als Citate zu Gebot. Er war in dieſer Beziehung ein lebender Büchmann, lange ehe des letzteren Sammelwerk er⸗ ſchienen. Dagegen iſt er weder auf philoſophiſchem noch auf literariſchem Gebiete ſelbſtſchöpferiſch thälig geweſen. Die ziemlich zahlreichen Werke, die ſeinen Namen tragen, haben ihm zu Lebzeiten keine Berühmtheit in weiteren
Kreiſen verſchafft, ſie werden ihm nun noch weniger
Unſterblichkeit ſichern. Er hat nicht, wie ſein vielſeitigerer
Schüler, Ludwig Büchner, die Philoſophie mit den großen Er⸗ rungenſchaften der Naturwiſſenſchaft in Verbindung zu ſetzen, di
aachte, aber man merkte bald, daß ihm die Sache doch etwas un⸗


