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Der ſüße Moritz und der bittere Karl. 4 Erinnerungen eines alten Gießener Studeuten Von Dr. Ka ilthey(Brooklyn)
Es war erſt zu Anfang dieſes Jahres, daß Karl Vogt ſeinem eben verſtorbenen Jugendfreunde, dem Profeſſor der Philoſophie und Aeſthetik Moritz Carriere zu München, an alte Gießener Erinnerungen anknüpfend, einen Nachruf gewid⸗ met, worin er noch gar keine Neigung verrathen, dem hinüber⸗ gegangenen Altersgenoſſen Folge zu leiſten, vielmehr ſeine Abſicht
erklärt, es dem Genfer Staatsmann Jean Louis Fazy gleich zu thun, der in ſeinem 85. Lebensjahre, bei der Nachricht vom
Tode eines 84jährigen Verwandten, ganz ärgerlich äußerte:
„Was kann nur den Mann veranlaßt haben, ſojung zu ſterben? Das iſt ja gegen jede Kleiderordnung!“ Leider durfte er dieſem löblichen Vorſatz nicht treu bleiben. Heute ſchon iſt auch er dahingegangen, der ſtramme Darwinianer und Vorkämpfer der materialiſtiſchen Richtung unſerer modernen Naturforſchung, der „Affen⸗Vogt“, wie ihn die ſeinen Geiſt und ſeine Vielſeitigkeit beneidenden, zugleich aber ſeine ſcharfe Feder fürchtenden Gegner genannt, er hat das große Lebensräthſel, das ſeinem Forſchergeiſt hienieden verborgen blieb, endlich ergründet und esiſt ihm„Licht, mehr Licht!“ aufgegangen oder— er iſt entſchlummert zur ewigen
Nirwana.
Moritz Carriere und Karl Vogt, engere Landsleute aus Ober⸗ heſſen, Altersgenoſſen des gleichen Jahrgangs 1817, Schul⸗ und Univerſitätsfreunde aus Gießen, wo ſie beim Eintritt ins Berufs⸗ leben auch ihre akademiſche Lehrthätigkeit begannen und beide im Sturm⸗ und Drangjahre 1848 ſogar eine politiſche Rolle ſpiel⸗ ten, waren in allem lUebrigen zwei ſo grundverſchiedene Menſchen⸗ kinder und Charaktere, wie ſie ſich nur denken laſſen. Schon in der äußeren Erſcheinung hatten ſie durchaus nichts miteinander gemein. Vogt war etwas über Mittelgröße, von breitſchulteriger kräftiger Geſtalt, dichtem ſchwarzem Haar und Vollbart, ſcharf⸗ geſchnittenen Zügen, etwas gebogener Naſe und dunklen blitzen⸗ den Augen. Er trug gewöhnlich einen dunklen Rock nach dem damals noch beliebten altdeutſchen Schnitt und verwendete im Allgemeinen, wie das loſe geknüpfte Halstuch zeigte, auf ſeinen Anzug keine beſondere Sorgfalt. Haltung und Gang waren auf⸗


