recht feſt und bedächtig. Carriere war kaum von Mittelgröße,
mehr ſchmächtig von Geſtalt, mit blondem, dünnem Haupthaar und ſchwachem Backenbart, waſſerblauen Augen und weichen Geſichtszügen. Er trug ſich immer ſehr modiſch und liebte helle, auffallende Farben. Sein Weſen hatte etwas Haſtiges, Unſtätes und ſein raſcher Gang war eigenthümlich hüpfend. Vogt hatte etwas vom amerikaniſchen Matter of fact⸗Mann, er war Ge⸗ lehrter vom Scheitel bis zur Sohle, aber keiner, der ſich mit Haarſpaltereien, Grübeleien und trockenen, künſtlich ausgeklügel⸗ ten Theorien abgab, ſondern aus dem ſriſchen Born des Lebens ſchöpfte, die Geheimniſſe der Natur im Größten wie im Kleinſten nach den äußeren Erſcheinungen zu ergründen bemüht war, von der ſinnlichen Wahrnehmung auf deren Urſachen zurückging und dann ſeine Schlüſſe zog. Carriere dagegen ſchlug mehr den ent⸗ gegengeſetzten Weg ein, er war Idealiſt durch und durch, er ſah die Welt nicht ſo, wie ſie ſich ſeinem ſinnlichen Auge darſtellte, ſondern wie er ſie ſich ſelbſt in ſeinem Denkprozeß zurecht kon⸗ ſtruirt hatte.
Gießen trug in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre den Typus aller kleineren deutſchen Univerſitätsſtädte, den es ſich, wenn auch bedeutend gewachſen und der Zeit Rechnung tragend, mehr oder weniger wohl noch bis zum heutigen Tage bewahrt hat. Die theologiſche, juriſtiſche und philoſopiſche Fakultät wurden faſt ausſchließlich nur von heſſiſchen Landeskindern auf⸗ geſucht, da ſie nur wenige Lehrer von wirklich ngtionalem Rufe aufzuweiſen hatten, obwohl z. B. der Theolog* edner, die Juriſten v. Löhr und Birnbaum tüchtige Fachleute waren. Die mediziniſche Fakultät beſaß in dem Kliniker Balſer und dem Profeſſor der Geburtshilfe v. Ntgen äußerſt reſpektable Kräfte, doch gehörten ſie der älteren Schule an. Weltruf beſaß nur ein akademiſcher Lehrer: Juſtus Liebig, ein Darm⸗ ſtädter, der auf dem dortigen Gymnaſium ein nichts weniger als vielverſprechender Schüler geweſen, ſo daß, als er in der Se⸗ kunda einſt bei den ciceronianiſchen Reden mit ſeinem Latein am Ende war, der Konrektor äußerte:„Liebig, ich blicke mit Beſorg⸗ niß in Deine Zukunft. Was willſt Du denn eigentlich werden?“ worauf prompt die Antwort erfolgte:„Ich möchte Chemie ſtudi⸗ ren.“ Da ſchüttelte der Konrektor das weiſe Haupt und meinte bedauernd:„Das ſcheint mir aber doch ein ſehr unſicheres Brod
zu ſein.“ Nun, ſo gar unſicher war es nicht, denn der damalige ſchlechte Lateiner und nachmalige große Chemiker iſt, von Ruf und Ehren abgeſehen, als Millionär geſtorben. Liebig war es allein, der Gießen damals zur berühmten Univerſitätsſtadt ge⸗ macht, die auch von vielen Ausländern, namentlich Engländern und Amerikanern, frequentirt wurde.


