Druckschrift 
Der süße Moritz und der bittere Karl : Erinnerungen eines alten Gießener Studenten / von Dr. Karl Dilthey
(Brooklyn)
Entstehung
Frankfurt, M. [25.01.1895]
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2 Unter den Univerſitätslehrern Gießens befanden ſich damals

manche, von denen man ſich allerlei humoriſtiſche Züge und ſchnurrige Geſchichten erzählte. Der kleine Theologe Palmer, General⸗Superintendent und Profeſſor, ein Original vom reinſten Waſſer, war zwar ſchon ſeit Jahren todt, aber ſeine Reden und Thaten lebten noch in Aller Mund. Bekannt iſt, daß er einſt einen armen Sünder Namens Heß auf ſeinem letzten Wege zur Richtſtätte begleitete; als dieſer ſich widerſpenſtig zeigte und gegen die Exekution laut proteſtirte, tröſtete er ihn mit den Worten:Laß Dich doch nur ein bischen köpfen, Heßchen,'s iſt ja doch weiter gar nichts. Dem lieben Gott gilt's gleich, ob Du einen Kopf länger oder kürzer zu ihm kommſt, und Du bleibſt ja noch immer größer, als ich, der Superintendent. Profeſſor Umpfenbach, ein überaus gelehrter Mathematiker war immer zerſtreut und ſo ganz in ſeine mathematiſchen Probleme vertieft, daß er Alles um ſich her vergaß. Zu früher Morgenſtunde ſtolzirte er einſt, den Hut auf dem Kopf, aber in Schlafrock, Pantoffeln und Unter⸗ hoſen nach dem Kollegium, und erſt das Gelächter der Zuhörer bei ſeinem Eintritt machte ihn auf ſein Verſehen aufmerkſam. Da er den Rückweg nach ſeiner Wohnung doch nicht im gleichen Aufzuge antreten mochte, erſuchte er einen der Anweſenden, ihm die nöthigen Garderobeſtücke inzwiſchen aus ſeiner Wohnung zu holen:Sagen Sie der Frau Profeſſorin, rief er dem Be⸗ treffenden nach,es wäre zu heiß für die Hoſen, ſie möchte mir die Höschen ſchicken. Derſelbe Gelehrte machte täglich um die Abendſtunde im Sturmſchritt und ohne aufzuſehen ſeinen Spa⸗ ziergang um dieSchur, eine ſich rings um die Stadt ziehende Promenade. Am Seltersberg kam ihm ein Ochſe in den Weg, an den er ziemlich unſanft anrannte, worauf er ſofort den Hut zog und denetwas ſtarken Herrn um Entſchuldigung wegen des Anrempelns bat.

Der alte Profeſſor Wilbrandt kam in ſeinem anatomi⸗ ſchen Vortrag darauf zu ſprechen, daß die meiſten Säugethiere die Ohren willkürlich bewegen, was dem Menſchen in der Regel. verſagt ſei.Mein Sohn, der Profeſſor, fügte er hinzu, kann's aber auch. Iunlius, ſpitz' mal den Herren die Ohren! Und Profeſſor Wilbrandt jun., ein liebenswürdiger, kenntniß⸗ reicher junger Mann, erſchien auf dem Katheder und erfüllte den Wunſch Papas, natürlich zum nicht geringen Amüſement der Herren. Der Senior der Univerſität, Geheimrath Profeſſor Nebel, las über Geiſteskrankheiten, und zwar in einer Weiſe, welche die Geiſter, zumal an heißen Sommernachmittagen hübſch einſchläferte. Ein Gewitterregen war währrnd des Nebel'ſchen Vortrages herniedergegangen, und der erſte Sonnenſtrahl brach