Druckschrift 
Der süße Moritz und der bittere Karl : Erinnerungen eines alten Gießener Studenten / von Dr. Karl Dilthey
(Brooklyn)
Entstehung
Frankfurt, M. [25.01.1895]
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wo er Profeſſor wurde und einen Platz an der Tafelrunde genialer Männer König Maxens erhielt. Karl Vogt's weitere Schickſale ſind zur Genüge bekannt. Nachdem er ſeine politiſch⸗ Rolle in Stuttgart abgeſchloſſen, wo er es bekanntlich bis zum Reichsregenten brachte, kehrte er, aller Regierungsſorgen ledig, zu ſeiner Wiſſenſchaft zurück. Er wurde Profeſſor der Geologie und Zoologie zu Genf, gerieth aber nach einiger Zeit doch wie⸗ der ins politiſche Fahrwaſſer und wurde Mitglied des Großen Raths von Genf, dann auch des ſchweizeriſchen Ständeraths und zuletzt des Nationalraths, in welchen Stellungen er ſich um die Geſetze und Inſtitutionen der Schweiz manche Verdienſte er⸗ worben. Mit ſeinem Iugendfreund Moritz iſt er, wie er in deſſen Nachruf humoriſtiſch erzählt, ſpäter nur noch einige Mal flüchtig auf Reiſen zuſammengetroffen.

Schließlich noch einKarl und Moritz betreffendes artiges Hiſtörchen aus der Gießener 48er Revolutionszeit. Bei ſeiner hohen Verehrung und Bewunderung des ſchönen Geſchlechts im Allgemeinen konnte der ſüße Moritz nicht umhin, ſein Auge zu⸗ weilen auch auf einzelne beſonders bevorzugte Vertreterinnen deſſelben zu richten. So machte er auch kein Hehl daraus, daß er eine gewiſſe, ſehr bekannte Kaufmannsfrau, die Vorſteherin des vornehmſten Putz⸗ und Konfektions⸗ geſchäfts, wirklich ſchön finde und bei gelegentlichem Ankauf kleiner Garderobeartikel in ihrem Laden ſeinen, nach der Antike gebildeten Schönheitsſinn an ihren klaſſiſchen Zügen und den allerdings etwas zu üppigen Formen erbaue. Das genügte, um in den abendlichenHirſch⸗Kreiſen eine kleine Komödie in Scene zu ſetzen. Man that plötzlich der betreffenden Schönheit mehrfach Erwähnung; bald Dieſer, bald Jener hatte in ihrem Geſchäft vorgeſprochen und aus dem Munde der Dame vernom⸗ men, daß auch ſie zu den Bewunderern des philoſophiſchen Fauſt⸗Interpreten gehöre, ihn als einen ſehr liebenswürdigen Herrn bezeichne, für ſeineFauſt ⸗Vorleſungen förmlich ſchwärme, ja daß ſie deſſen Schilderungen des Fauſt⸗Gretchen⸗ Verhältniſſes ſo begeiſtert, daß ſie in ihrem Geſchäft Fauſt⸗ Halsbinden nach einem ſehr geſchmackvollen Muſter anfertigen laſſe, auf die ſchon zahlreiche Beſtellungen eingelaufen.. Moritz nahm dieſe Berichte mit ſichtbarem Behagen auf, auch wollte man ihn ſeitdem ſehr häufig über den Marktplatz wandeln ſehen, was man boshaſterweiſe auf Fenſterparade deutete. Eines Abends war der bittere Karl ſehr ernſt.Moritz, ſagte er,ſei auf Deiner Hut, der H.. ſoll furchtbar eiferſüchtig ſein; er weiß, daß ſeine Frau die Fauſt⸗Halsbinden Dir zu Ehren ſo getauft hat und will den ganzen Vorrath ins Feuer werfen. Er iſt ein deſperater Burſche, geh' ihm aus dem Wege. Moritz